Direkte Übersetzung des Tipiṭaka

Die direkte (wortwörtliche) Übersetzung der Tipiṭaka-Suttas ist ein großes Problem. Viele Menschen sind durch die Widersprüche verwirrt, die durch diese Praxis unweigerlich entstehen.

„Elefant im Raum“

1. Um Wikipedia zu zitieren: „Der Elefant im Raum (auch: „Elefant im Zimmer“) ist eine ursprünglich russische, heute aber vor allem im englischen Sprachraum verbreitete Metapher (elephant in the room), die seit der Jahrtausendwende auch im deutschen Sprachraum an Popularität gewonnen hat. Der Anglizismus bezeichnet ein offensichtliches Problem, das zwar im Raum steht, aber dennoch von den Anwesenden nicht angesprochen wird. Die Gründe für das Schweigen können vielfältiger Natur sein, beispielsweise die Angst vor persönlichen Nachteilen und Repressionen oder die Furcht, jemanden – womöglich Anwesende – zu verletzen, ein Tabu zu brechen oder allgemein ungeschriebene Regeln zu missachten.“ Siehe „Elefant im Raum„.

  • Auch wenn der Pāli Tipiṭaka intakt ist, werden Buddhas Lehren heutzutage NICHT korrekt vermittelt. Nach vielen Jahren, in denen ich eine Webseite über Buddha Dhamma geschrieben und an Diskussionsforen teilgenommen hatte, ist mir die Ursache langsam klar geworden. Das Hauptproblem ist die wortgetreue Übersetzung der Suttas.

2. Schon oft habe ich auf dieses Problem hingewiesen. Siehe z.B. Fehlinterpretationen von Buddha Dhamma.

  • Selbst mit den klaren Beweisen ignorieren viele Leute diesen „Elefanten im Raum“. Dann wurde mir klar, dass sie nicht das nötige Grundverständnis haben, um das Problem zu erkennen! Sie sehen den Elefanten einfach nicht.
  • Der Tipiṭaka wurde bis zum 19. Jahrhundert nicht wortwörtlich in eine andere Sprache übersetzt. Diese Praxis begann mit europäischen Gelehrten in den 1800er Jahren, die ihr Bestes versuchten, um die riesige Menge an Pāli– und Sanskrit-Texten zu verstehen, die in Indien, Sri Lanka und anderen asiatischen Ländern gefunden wurden.

3. Eine direkte Übersetzung des Tipiṭaka in die singhalesische Sprache erfolgte zum Beispiel erst 2005. Der Tipiṭaka blieb seit seiner ersten Niederschrift im Jahr 29 v. Chr. (vor 2000 Jahren) in der Pāli-Sprache (geschrieben mit singhalesischer Schrift).

  • In dieser Zeit erklärten die Bhikkhus Schlüsselkonzepte in langen Reden oder schriftlichen Kommentaren. Viele Suttas im Tipiṭaka liegen in einer stark komprimierten Form vor (uddesa), die sich für die mündliche Weitergabe eignet (Referenz 1). Das war notwendig, weil der Tipiṭaka in den ersten 500 Jahren nach dem Tod des Buddha mündlich weitergegeben wurde.
  • Die tiefgründigen Konzepte in diesen Suttas wurden der Allgemeinheit von Bhikkhus in ihrer Muttersprache erklärt. Außerdem wurden zur Zeit des Buddha drei Kommentare in Pāli verfasst. Gemäß der singhalesischen Version dieser drei Kommentare war einer das Werk von Sariputta und die beiden anderen wurden Mahākaccāna (oder Mahākaccāyana) zugeschrieben.
  • Etwa 200 Jahre nach dem Ableben des Buddha (d.h. vor etwa 2300 Jahren) begann Mahinda in Sri Lanka, Kommentare in singhalesischer Sprache (Sinhala Atthakathā) zu schreiben.
  • Als sich das Schreiben auf Blättern vor etwa 2000 Jahren weiter verbreitete (aber immer noch mühsam war), schrieb eine Versammlung von Arahants den Pāli Tipiṭaka inklusive der drei ursprünglichen Kommentare nieder. Das macht etwa 60 Bände aus, die wir heute haben.

Mahāyāna-Einfluss auf Theravāda

4. Innerhalb von 500 Jahren nach dem Ableben des Buddha begannen die indischen Mahāyāna-Anhänger, Konzepte, die dem Dhamma des Theravāda-Buddhas fremd waren, nicht nur zu verfeinern, sondern auch zu übernehmen.

In diesem Prozess der Revision versuchten sie, die Dinge „einfacher“ und „innovativer“ zu machen, indem sie anicca und anatta ersetzten. Also definierten sie diese in ihren Begriffen (anitya und anātma) und gerieten dann in eine Schieflage, indem sie diese Begriffe durch die Erfindung weiterer Konzepte erklärten. Es wurde immer schlimmer. Hier die Worte von Edward Conze ins Deutsche übersetzt, der selbst viele Mahāyāna-Texte ins Englische übersetzte (Referenz 2):

„.…… Um 100 v.u.Z. (rund 400 Jahre nach dem Parinibbana des Buddha) hatten eine Reihe von Buddhisten in Indien das Gefühl, dass die bestehenden Aussagen der Lehre abgestanden und unbrauchbar geworden waren. In der Überzeugung, dass Dhamma immer neue Umformungen erfordert, um den Bedürfnissen des neuen Zeitalters, neuen Bevölkerungsgruppen und neuen sozialen Gegebenheiten gerecht zu werden, begannen sie, neue Literatur zu produzieren, die letztlich als Mahayana-Buddhismus bekannt wurde. Die Schaffung dieser Literatur ist eine der bedeutendsten Ausbrüche kreativer Energie in der Geschichte der Menschheit und dauerte etwa vier bis fünf Jahrhunderte an. Wiederholung allein, so glaubten sie, kann keine lebendige Religion aufrechterhalten. Ohne ausgleichende Innovationen würde Religion erstarren und seine lebensspendenden Eigenschaften verlieren“.

Schlechter Zustand des Buddhismus in den 1800er Jahren

5. Um den für diese Diskussion relevanten historischen Hintergrund zu vervollständigen, möchte ich kurz den traurigen Status des Buddhismus in den 1800er Jahren zusammenfassen.

  • Die Invasionen durch die Portugiesen, die Niederländer und schließlich die Briten erstreckten sich über vier Jahrhunderte, beginnend im Jahr 1498. Siehe Die portugiesische Präsenz in Asien (engl.). Dies führte zu einem drastischen Rückgang des Buddha Dhamma (Buddhismus) in allen asiatischen Ländern (Sri Lanka, Indien, Burma, Thailand usw.)
  • Um 1800 war der Buddhismus in Indien nicht mehr existent. Der Mahāyāna-Buddhismus jedoch entstand in Indien nur 500 Jahre nach Buddhas Tod und erblühte mehrere Jahrhunderte lang. Diese Blütezeit des Mahāyāna-Buddhismus korrumpierte den Theravāda-Buddhismus in Sri Lanka und anderen asiatischen Ländern. Siehe Referenz 2.
  • Das folgende Video ist in singhalesischer Sprache. Es berichtet über die Restaurierung von Ruwanvalisāya, eine der größten Stupās in Sri Lanka. Dieses Projekt dauerte viele Jahre und wurde mit Unterstützung des damaligen britischen Gouverneurs in Sri Lanka abgeschlossen. Sie können den Status der buddhistischen Tempel und Stupās in den 1800er Jahren vor ihrer Restaurierung sehen:   History of Ruwanwelisaya (YT)
  • Ein Bild von Ruwanvalisāya in den frühen 1800er Jahren ist bei @1:10 Minuten zu sehen. Bis 1869 war eine kleine Residenz für Bhikkhus gebaut worden (@1:30 Min.). Selbst im Jahr 1921 war noch keine vollständige Restaurierung erfolgt. Siehe auch den Wikipedia-Artikel (engl.): Ruwanwelisaya.

Wiederbelebung des Buddhismus ab den 1800er Jahren

6. In den 1800er Jahren erlebte der Buddhismus dank der Bemühungen einiger britischer Beamter eine Phase der Wiederbelebung.

  • Sie fanden viele wichtige buddhistische Stätten wie Lumbini und sogar die Asoka-Säulen in Indien in Trümmern vor. Sie fanden auch viele Sanskrit-Texte in Indien und Pāli-Texte in Sri Lanka, Burma usw.
  • Diese Beamten koordinierten das Sammeln umfangreicher historischer Dokumente in asiatischen Ländern. Dazu gehörten nicht nur Tipiṭaka-Dokumente, sondern auch Mahāyāna– und vedische Dokumente. Die Gelehrten in den europäischen Ländern versuchten, sie zu sortieren und die neuen Konzepte zu verstehen.
  • Doch selbst die Theravāda-Bhikkhus hatten zu dieser Zeit anicca und anatta bereits fälschlicherweise als die Sanskrit-Begriffe anitya und anātma angenommen. Das war auf den Einfluss des Mahāyāna-Buddhismus zurückzuführen, der nur 500 Jahre nach dem Buddha aufkam. Siehe Referenz 3.

Das Buch „In Search of the Buddha“ von Charles Allen

7. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich diese europäischen Pioniere bemühten, die Inschriften auf den Ashoka-Säulen und die riesige Sammlung von Pāli- und Sanskrit-Texten zu interpretieren, empfehle ich das Buch „In Search of the Buddha“ von Charles Allen (2003). Seine Familie war seit Generationen in Indien und diente in der britischen Regierung, und er selbst wurde in Indien geboren.

  • Das Buch enthält Informationen und Bilder von vielen historischen Stätten in Indien vor ihrer Restaurierung. Ein Foto des Mahābodhi-Tempels aus dem Jahr 1799 befindet sich zum Beispiel auf S. 147.
  • Es ist wirklich faszinierend, über die Bemühungen der Menschen zu lesen, die ihr Leben der Wiederentdeckung des Buddha-Dhamma widmeten. Auch wenn es in diesem Buch nicht gezeigt wird, sind historische Stätten in Sri Lanka und anderen buddhistischen Ländern ebenfalls verfallen, wie im Video oben zu sehen. Das Buch von Charles Allen konzentriert sich auf Indien.
  • Diese Beamten bzw. europäischen Gelehrten waren in erster Linie für die gegenwärtige Wiederbelebung des Buddhismus verantwortlich. Allerdings verfestigten sie unbeabsichtigt einige kritische Schäden, die andere zuvor an den Theravāda-Konzepten angerichtet hatten.

Drei neuartige religiöse Konzepte in zwei fremden Sprachen!

8. Es gab Sanskrit-Dokumente in Indien. Es wurden keine Pāli-Dokumente über Theravāda oder Sanskrit-Dokumente über Mahāyāna in Indien gefunden.

  • Die meisten Pāli-Texte über Theravāda wurden in Sri Lanka gefunden. Sanskrit-Texte über Mahāyāna sowie Pāli-Texte über Theravāda wurden in anderen asiatischen Ländern gefunden. Siehe Sanskrit Buddhist Literature (engl.).
  • Die enorme Aufgabe, der sich diese europäischen Gelehrten gegenübersahen, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den Theravāda-, Mahāyāna– und Veda-Texten drei verschiedene Konzepte verwendet wurden.
  • Viele Akademiker an europäischen Universitäten begannen daraufhin, den Tipiṭaka ins Englische, Deutsche und Französische zu übersetzen. Sie mussten die Konzepte des Buddhismus (ebenso wie die Pāli– und Sanskrit-Sprachen) von „lokalen Experten“ lernen, aber zu dieser Zeit gab es keine Bhikkhus mit tiefgreifenden Kenntnissen des Buddha-Dhamma.
  • So begann die Praxis, den Tipiṭaka Wort für Wort in eine andere Sprache zu übersetzen.

Akademische Zeugnisse reichen nicht aus, um Buddha Dhamma zu lehren

9. Diese europäischen Gelehrten taten ihr Bestes, um die riesige Sammlung historischer Dokumente zu interpretieren. Diese Bemühungen sind in Charles Allens Buch gut dokumentiert. Professor Rhys Davids gehörte zu diesen Gelehrten, und die meisten aktuellen Interpretationen beruhen auf seiner Arbeit.

  • Im Anschluss an die Originalübersetzungen von Rhys Davids, Eugene Burnouf und anderen haben zeitgenössische singhalesische Gelehrte wie Malalasekara (ein Doktorand von Rhys Davids) den Buddhismus von den Europäern „gelernt“ und damit begonnen, falsche Interpretationen zu verwenden.
  • Andere singhalesische Gelehrte wie Kalupahana und Jayathilake lernten den „Buddhismus“ ebenfalls an Universitäten im Vereinigten Königreich (sie erwarben Doktortitel in Buddhismus) und schrieben Bücher in Englisch und Singhalesisch.
  • Natürlich taten Gelehrte in anderen buddhistischen Ländern das Gleiche in ihren Sprachen, und die falschen Interpretationen verbreiteten sich weltweit.

10. Ich hoffe, das ist genug Information, um darüber nachzudenken, warum Meinungen der „Gelehrten“ aus Gründen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, wahrscheinlich falsch sind. Nochmals, ich bewundere und schätze, was Rhys Davids, Burnouf, Muller und andere in jenen Tagen taten, und es war nicht ihre Absicht, Buddha Dhamma zu entstellen. Es ist auch nicht die Schuld der heutigen Gelehrten.

  • Man muss das Buddha Dhamma von einem wahren Schüler des Buddha lernen, der zumindest die Sotapanna-Stufe erreicht hat!
  • Akademische Zeugnisse bedeuten NICHTS, wenn es um das Lehren des Buddha Dhamma geht. Bei allem Respekt für diese europäischen Gelehrten, sie haben die Schlüsselbotschaft des Buddha NICHT verstanden. Diese Botschaft lautet, dass der Prozess der Wiedergeburt voller Leiden ist und das Ziel eines Buddhisten darin besteht, den Prozess der Wiedergeburt zu beenden und Nibbāna zu erlangen.

Zusammenfassung

11. Die obige Beschreibung liefert den notwendigen historischen Hintergrund.

  • Der Hauptpunkt, auf den ich mich in den kommenden Texten konzentriere, ist die Verwirrung, die durch die wortwörtliche Übersetzung des Tipiṭaka entsteht.
  • Natürlich hatten die europäischen Gelehrten, die mit dieser Praxis begannen, keine Ahnung, dass dies der falsche Ansatz war.
  • In den letzten 20 Jahren begannen die korrekten Interpretationen des Tipiṭaka zu kursieren. Die Erklärungen von Waharaka Thero verbreiteten sich zunehmend, zunächst in Sri Lanka und dann in anderen Ländern durch Sri Lanker, die in diesen Ländern lebten.

12. Wie war Waharaka Thero in der Lage, diese korrekten Interpretationen vorzunehmen?

  • Waharaka Thero war ein Jāti Sotapanna, wie er selbst erklärte. Wenn man einmal die Sotapanna-Stufe erreicht hat, wird man dieses tiefere Verständnis auch in zukünftigen Leben nicht verlieren.
  • Doch Waharaka Thero war mehr als nur ein Jāti Sotapanna. Ein Sotapanna mag nicht in der Lage sein, anderen Menschen die Konzepte zu erklären, selbst wenn er/sie diese verstehen. Das ist eine einzigartige Fähigkeit, die Paṭisambhidā Ñāna heißt.

13. Wie können wir darauf vertrauen, dass diese Interpretationen richtig sind?

  • Genau wie in der modernen Wissenschaft ist der ultimative Test die Konsistenz der Konzepte (Widerspruchsfreiheit). Der Tipiṭaka, wie von Arahants zusammengestellt UND niedergeschrieben, ist in sich selbst konsistent. Daher muss jede Interpretation auch innerhalb des Tipiṭaka in sich selbst konsistent sein.
  • Ich werde zunächst zeigen, dass die meisten aktuellen Interpretationen eklatant widersprüchlich sind. Selbst ein Kind kann diese Widersprüche erkennen.
  • Dann werde ich zeigen, dass die Interpretationen von Waharaka Thero völlig in sich konsistent sind.

    Referenzen

1. Siehe Sutta Interpretation – Uddēsa, Niddēsa, Paṭiniddēsa.

2. Edward Conze, „A Short History of Buddhism” (1980)

3. Siehe Fehlinterpretation von Anicca und Anatta durch frühe europäische Gelehrte.

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