Ist Sakkaya Ditthi der Glaube ein „Selbst“ zu sein?

In diesem Beitrag schauen wir auf zwei Begriffe (Sakkāya Ditthi und Samyojana), die in vielen aktuellen Publikationen (einschließlich Theravada-Texte) nicht korrekt interpretiert werden.

1. Die meisten Texte beschreiben Sakkāya Ditthi als „Selbst-Illusion“ oder „Persönlichkeits-Glauben“, d.h. der „Glaube, dass ein ‚Selbst‘ oder ‚Ich‘ existiert“.

  • Aber diese Wahrnehmung eines „Selbst“ oder einer dauerhaften „Seele“ (Sanskrit: „Athma“) ist nicht Sakkāya Ditthi im Tipitaka. Dieses „Selbst“ ist wirklich eine Wahrnehmung (Sanna), die wir von Leben zu Leben tragen.
  • Die tief verwurzelte Idee eines „Selbst“ oder „Ich“ entsteht durch das Mana Cetasika (Einbildung, Eitelheit, Stolz).
  • Fühlt man sich angegriffen, wenn man mit Respektlosigkeit behandelt wird, so hat man noch Mana. Selbst ein Anagami kann etwas verstört sein, wenn er/sie wahrnimmt, dass er/sie schlecht behandelt wird. Eine Komponente von ManaAsmi Mana genannt – ist auch auf der Anagami-Stufe vorhanden. Mana wird erst auf der Arahant-Stufe entfernt.
  • Auf der Sotapanna-Stufe wird die Tendenz entfernt, den physischen Körper als so bedeutsam einzuschätzen und die Sichtweise, dass man mit seinen Handlungen dauerhaftes Glück erreichen kann (durch eine bestimmte Lebensweise, bestimmtes Essen, Sport, Kultur …).
  • Die Idee, dass die Wahrnehmung eines „Selbst“ auf der Sotapanna-Stufe beseitigt wird, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Man versucht etwas zu tun, was zu diesem Zeitpunkt nicht möglich ist.

2. Es gibt vier Bedingungen für das Erreichen der Sotapanna-Sufe. Siehe Vier Bedingungen für Sotapanna Magga/Phala.

  • Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird man die ersten drei Samyojana durchbrechen (geistige Bindungen via San) und permanent von Wiedergeburten in den Apāyas befreit. Das Pali-Wort Samyojana (oder Sanyōjana oder Sanyōga) wird normalerweise als „Fesseln“ übersetzt. Siehe Wikipedia (engl.): Fetter (Buddhismus). Aber wie in vielen Publikationen (Bücher, Internet) erklärt der Wikipedia-Artikel  Samyojana  leider falsch.

3. Wir sind an die 31 Reiche dieser Welt durch zehn „geistige Bindungen“ oder Samyojana gebunden. Es kann als Fesseln an einen Pfahl mit einem Seil visualisiert werden, außer das wir uns selbst fesseln, niemand anders.

  • Sanyōjana oder Sanyōga (san + yoga, mit yoga = binden) bedeutet „gebunden via San“. Siehe Was ist „San“?.
  • Wir binden uns freiwillig in diese Welt mit unserem Geist, weil wir glauben, dass irgendwo in diesen 31 Reichen dauerhaftes Glück zu finden ist.
  • In der Tat denken die meisten Menschen, dass sie Glück in diesem Leben finden können! Sie betrachten nicht, was im Alter passiert, wenn man wirklich hilflos wird. Nimmt man sich die Zeit zum Nachdenken, wird man viele Beispiele finden, wo selbst berühmte, reiche und mächtige Menschen verzweifelt wurden und im Alter hilflos einen elenden Tod starben.

4. Ein Sotapanna durchbricht 3 der 10 Sanyōjana. Er schafft das durch Verständnis der wahren Natur dieser Welt zu einem gewissen Grad, d.h. mit Sammā Ditthi.

Das Schlüsselwort Sammā kommt von san + , was „frei von San“ bedeutet.

  •  hōti jāti, jāti“ bedeutet ‚Möge ich frei sein von wiederholter Geburt‘.
  •  mē bāla samāgamō“ bedeutet „Möge ich frei sein von Bindung mit denen, die unwissend über Dhamma sind“.
  • Sammā Ditthi bedeutet „frei von falschen Ansichten“. Man etabliert ein gewisses Maß an Sammā Ditthi auf der Sotapanna-Stufe und vollendet es auf der Arahant-Stufe.

5. Diese Fesseln müssen im Geist gebrochen werden. Man gewinnt Sammā Ditthi durch Verstehen der wahren Natur dieser Welt.

Anicca – Nichts in dieser Welt bringt auf lange Sicht dauerhaftes Glück.

Dukkha – Trotz aller Anstrengung werden wir weit mehr Leiden als Vergnügen ausgesetzt sein, wenn wir in diesem Wiedergeburts-Kreislauf bleiben.

Anatta – Daher sind die Anstrengungen, etwas Substantielles in dieser Welt zu erreichen, vergeblich und letztlich ist man wirklich hilflos.

6. Es ist wichtig zu erkennen, dass es zwei Edle Achtfache Pfade mit zwei Arten von Sammā Ditthi gibt: Buddha Dhamma – In einem Diagramm und Maha Chattarisaka Sutta (Diskurs über die Großen Vierzig).

  • Zuerst braucht man eine „moralische Geisteshaltung“, indem man die fünf Gebote einhält. Dies führt zu weltlichem Sammā Ditthi.
  • Damit wird der Geist schrittweise gereinigt, um die drei Merkmale dieser Welt zu begreifen: anicca, dukkha, anatta.
  • Wenn man lōkōttara (transzendentes) Sammā Ditthi zu einem gewissen Grad erreicht, wird man wirklich auf dem Edlen Achtfachen Pfad starten; siehe Den Edlen Achtfachen Pfad kultivieren – mit Anicca, Dukkha, Anatta. Diese Unterscheidung ist für viele Menschen kaum wahrzunehmen.

7. Nun wollen wir betrachten, wie lōkōttara Sammā Ditthi zum Durchbrechen von 3 der 10 geistigen Fesseln führt.

  • Diese drei Samyojana sind Sakkāya Ditthi (=Sathkaya Ditthi), Vicikiccā und Silabbata Parāmāsa.

8. Der Buddha nannte in der Brahmajala Sutta 62 Arten von Ditthi, die während seiner Zeit bekannt waren. Wir brauchen heute nicht alle zu diskutieren, denn es sind nur zwei dieser falschen Ansichten, die heute weit verbreitet sind.

  • Religiöse Menschen glauben, dass es eine „permanente Seele“ gibt (Schöpfer basierte Religionen). Man wird nach diesem Leben im Himmel oder in der Hölle geboren werden. Diese Idee eines Athma oder eines Selbst war das Sässata Ditthi.
  • Wissenschafter glauben heutzutage, dass unsere Gedanken im Gehirn entstehen, d.h. der geistige Körper entspricht dem physischen Körper („Ich bin mein Körper“). Wenn wir also sterben, ist die Geschichte damit beendet, weil der physische Körper zu Staub zerfällt. Man sollte also „das Leben genießen, solange es geht“. Das war das Uccēda Ditthi, was der Buddha auch ablehnte.
  • So wies der Buddha beide falschen Ansichten zurück: „ein Selbst existiert“ und „kein Selbst existiert“. Dinge entstehen aus Ursachen und wenn die Ursachen enden, hören die Dinge auf zu existieren. Das ist das Prinzip von Ursache und Wirkung, was in Paticca Samuppada erklärt wird. Wesen existieren aufgrund von Avijja und Tanha. Sie hören auf zu existieren, wenn Avijja und Tanha enden. Dauerhaftes Glück wird damit erreicht (d.h. Nibbàna).

9. Auch religiöse Menschen haben unbewusst Ucceda Ditthi: „Ich bin mein physischer Körper“.

  • Unsere zunehmend materialistische Gesellschaft füttert ständig diese Wahrnehmung – es ist so wichtig, schön und stark zu sein, weil mein Körper ist, was ich bin.
  • Sakkāya Ditthi  ist heute in der Ansicht verwurzelt: „Ich bin mein physischer Körper“ und „Ich kann Glück erreichen, indem ich meinem Körper eine Menge angenehmer Sinneseindrücke verschaffe“.

10. Sath oder sak bedeutet „gut“ oder „fruchtbar“.

  • Kāya kann zwei Dinge bedeuten: die Handlungen oder der Körper. Siehe Kāyānupassanā – Abschnitt zu Körperhaltungen (Iriyapathapabba).
  • Sakkāya Ditthi umfasst hauptsächlich zwei Ansichten: (i) „Ich bin mein Körper“ und „ich muss ihn schön erhalten“, (ii) „Ich kann Glück durch fleißige Arbeit und richtige Taten in dieser Welt erreichen“.

11. Um Sakkāya Ditthi loszuwerden, muss man erkennen, dass dieser physische Körper „nur eine Hülle“ ist, die für vielleicht 100 Jahre zur Verfügung steht.

  • Die Rolle des geistigen Körpers (Gandhabba) muss realisiert werden. Der geistige Körper lebt vielleicht für Tausend Jahre. Aber auch er hört auf zu existieren, wenn wir eine neue Existenz (Bhava) am Cuti-Patisandhi-Moment ergreifen.
  • Unsere nächste Existenz hängt nicht von der aktuellen Schönheit oder Kraft des physischen Körpers ab (natürlich müssen wir gesund leben), sondern davon, wie gut wir den geistigen Körper „verbessern“ durch das Lernen von Buddha Dhamma und dem Leben nach diesem Dhamma.

12. Die zweite Ansicht im Zusammenhang mit Sakkāya Ditthi  in # 10 oben, kann nur durch das Verständnis der Anicca-Natur entfernt werden.

  • Siehe Anicca, Dukkha, Anatta.
  • Wenn man Anicca begreift, erkennt man, dass der Wiedergeburtsprozess zu Netto-Leiden führt: Auch wenn es Glückssträhnen gibt, auf lange Sicht sind diese unbedeutend im Vergleich zum Leiden, besonders wenn man (zwangsläufig) in den Apayas geboren wird.

13. Eine umfassende Erklärung zu Sakkāya Ditthi wird in der Culavedalla Sutta (Majjima Nikaya 44) gegeben, wo es die ehrenwerte Dhammadinna Thero ihrem früheren Ehemann Visakha erklärt:

„..Kathaṃ panāyye, sakkāyadiṭṭhi hotī”ti? “Idhāvuso visākha, assutavā puthujjano, ariyānaṃ adassāvī ariyadhammassa akovido ariyadhamme avinīto, sappurisānaṃ adassāvī sap­purisa­dhammassa akovido sap­purisa­dhamme avinīto, rūpaṃ attato samanupassati, rūpavantaṃ vā attānaṃ, attani vā rūpaṃ, rūpasmiṃ vā attānaṃ. Vedanaṃ … pe … saññaṃ … saṅkhāre … viññāṇaṃ attato samanupassati, viññāṇavantaṃ vā attānaṃ, attani vā viññāṇaṃ, viññāṇasmiṃ vā attānaṃ. Evaṃ kho, āvuso visākha, sakkāyadiṭṭhi hotī.”

  • Zunächst bedeutet „atta“ in den obigen Versen im herkömmlichen Sinne „ich“.
  • Der fett markierte Text sagt: „Ich bin mein Körper, mein Körper bin ich, mein Körper ist in mir, ich bin in meinem Körper“. Hier ist rūpa der „eigene Körper“ und atta ist „selbst“ im herkömmlichen Sinne. Sakkāya Ditthi ist die Vorstellung, dass der Körper identisch mit dem Selbst ist. Siehe auch Anattā in der Anattalakkahana Sutta (SN22.59).
  • In gleicher Weise könnte man die eigenen Vedana, Sanna, Sankhara und Viññāna als „Selbst“ betrachten. All diese geistigen Komponenten lassen die Idee aufkommen: „Ich kann mich an dies und das erinnern. Dies und das ist mir passiert. Also muss es ein kontinuierliches Selbst von mir geben, bis der Körper stirbt“.
  • Die französische Philosoph Rene Descartes sagte einst: „Ich denke, also bin ich“. Er dachte, dass die Gedanken in der Zirbeldrüse im Gehirn entstehen. All dies ist Teil von Uccēda Ditthi.

14. Auf der Sotapanna-Stufe „sieht man mit Weisheit“ (man wird Dassanēna Sampannō), dass es nicht sinnvoll ist, den Körper als „ich“ anzusehen.

  • Jedoch sind „sehen“ und „realisieren“ zwei verschiedene Dinge. Man realisiert diese Wahrheit erst auf der Arahant-Stufe. Damit wird man auch die Wahrnehmung von „ich“ los (Asmi Mana).

15. Die Verwirrung in konventionellen Übersetzungen von Sakkāya Ditthi scheint in der Verbindung von atta (oben: rupam attāto) als Gegenteil von anatta zu liegen. Atta hat zwei Bedeutungen:  Eine Bedeutung ist „ich“ oder „Selbst“ wie in „atta hi attano natho“ („nur ich kann meine Rettung sein“). Das ist der Sinn im obigen Vers.

  • Die andere Bedeutung von atta ist „in Kontrolle“ oder „hat Essenz“. Das Gegenteil davon ist anatta in den Tilakkkhana: „Man ist in diesem Wiedergeburtsprozess hilflos“.
  • Aus diesem Grund sind Pāli-Wörterbücher mit Vorsicht zu verwenden. Man kann nicht die Bedeutung eines Paliwortes fest vorschreiben. Man muss den Kontext kennen, in dem das Wort verwendet wird.

16. Die zweite Sanyōjana, die auf der Sotapanna-Stufe entfernt wird, ist Vicikiccā. Es wird gewöhnlich als Zweifel über Buddha, Dhamma und Sangha übersetzt.

  • Vicikiccā  kommt von  vi+chi+ki+icca. Unsere Taten (ki oder kriya) basieren auf unseren Vorlieben (icca) für weltliche Dinge (das sind also Ditthis). Wir wollen Glück mit diesen Dingen erreichen. Cha bedeutet citta oder die Denkweise auf Basis solcher Ditthis. Vi wird u.a. als „verzerrt“ oder „verwirrt“ übersetzt. Daher ist Vicikiccā die verzerrte Denkweise, dass unsere Handlungen zu Glück führen, weil wir die wahre Natur dieser Welt nicht kennen.
  • Man distanziert sich von solchen falschen Sichtweisen durch Verstehen der Anicca-Natur. Als Sotapanna sieht man automatisch die „Erfolglosigkeit“ in vielen unmoralischen oder unangemessenen Handlungen. Man weiß tief im Geist, dass die meisten Handlungen zur  Befriedigung der sechs Sinne vergeblich sind. Doch bis man Anagami ist, wird man immer noch Anhaftung für Sinnesvergnügen haben.
  • Zum Beispiel kann ein Sotapanna noch an Sex interessiert sein, aber nicht in unmoralischer Weise außerhalb der Ehe. Lust auf Sex ist im Menschen- und Deva-Reich möglich, die unmoralische Seite davon führt aber in die Apāyas. Ein Sotapanna ist nur frei von den Apāyas. Er/sie ist unfähig, solche unmoralischen Handlungen zu begehen.

17. Die dritte Sanyōjana, Silabbata Parāmāsa, ist die falsche Sichtweise, dass Nibbàna durch Befolgen von speziellen Geboten und Ritualen erreicht werden kann, d.h. nur die fünf oder acht Gebote einhalten oder einfach gute Dinge tun.

  • Das Erreichen von Nibbàna erfordert lōkōttara Sammā Ditthi, d.h. Verstehen der Tilakkhana: anicca, dukkha, anatta.
  • Wenn man anicca erfasst, hält man sich von unmoralischen Handlungen nicht fern, weil man fest an die Wirkung von Geboten oder Ritualen glaubt, sondern weil man tief im Inneren weiß, dass solche Taten langfristig fruchtlos und gefährlich sind.
  • Allerdings sind die Gebote notwendig, um weltliches Sammā Ditthi zu etablieren und den Geist zu reinigen, um dann die Tilakkhana zu erfassen.

18. Schließlich muss ein Sotapanna zwei weitere Samyojana  brechen (Kāma Raga und Patigha), um sich aus Kāma Loka zu befreien (Reiche 1 – 11). Dann wird man Anagami (Nicht-Wiederkehrer).

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