Einführung – Was ist Leiden?

1. Es gibt zwei gegensätzliche Faktoren, wenn man anderen die Botschaft des Buddha vermitteln möchte:

  • In erster Linie muss die andere Person den Inhalt begreifen können. Wenn zu viele Pāli-Worte benutzt werden (vor allem in der westlichen Welt), verstehen möglicherweise viele Menschen nicht vollständig und sind entmutigt.
  • Auf der anderen Seite darf man die Bedeutung einiger Schlüsselworte nicht verzerren. Manchmal gibt es kein passendes deutsches Wort, das wirklich die Bedeutung des Pali-Worts vermittelt. Falsche Informationen zu vermitteln ist schlimmer als nichts zu tun.

2. Ich möchte diesen neuen Ansatz testen, wobei ich Konzepte mit minimalen Pāli-Worten beschreibe. Wenn man die Grundidee erfasst, kann man später die normalen Beiträge lesen und damit „tiefer graben“.

3. In Buddha Dhamma dreht sich alles darum das Leiden zu beenden und dauerhaftes Glück noch in diesem Leben zu finden. Paticca Samuppada beschreibt, wie Grundursachen Schritt für Schritt zum Leiden führen. Wenn wir diese Ursachen verstehen, können wir die Ursachen vermeiden und sicherstellen, dass Leiden zukünftig nicht entsteht.

  • Der Buddha sagte, wir leiden, wenn wir die Dinge nicht zu unserer Zufriedenheit aufrechterhalten können. Daher ist die Hauptidee zu sehen, ob es irgendetwas in dieser Welt gibt, das zu unserer Zufriedenheit aufrechterhalten werden KANN.
  • Doch bevor wir die Schritte in Paticca Samuppada analysieren, sollten wir klären, was Leiden ist.

Drei Kategorien von Leiden

Die drei Kategorien des Leidens sind in der Dukkhata Sutta im Samyutta Nikaya beschrieben. Eine kurze konventionelle (padaparama) Beschreibung ist hier:

Dukkhata Sutta: Leiden (engl.)

Hier werden wir es im Detail besprechen, so dass wir ein gutes Verständnis davon erhalten, was der Buddha mit „Leiden“ meinte. Es ist nicht das Gefühl (Vedana) des Leidens.

1. Was ist unsere Welt? Unsere Existenz, unser Leben ist im Grunde das, was wir erleben: wir empfinden die Dinge durch unsere fünf physischen Sinne und denken dann im Geist darüber nach. Damit kann man zusammenfassend sagen, dass unsere Welt die Erfahrungen unserer internen sechs Sinne ist (Auge, Ohre, Nase, Zunge, Körper, Geist). Wenn wir „gute Erfahrungen“ haben können, sind wir glücklich, andernfalls sind wir traurig und leiden.

  • Was wir erleben, hängt davon ab, WAS WIR WAHRNEHMEN durch unsere fünf physischen Sinne und was wir über diese Wahrnehmung denken (Gedanken und Konzepte).
  • Diese zwölf (sechs interne und sechs externe) bilden „unsere Welt“. Alles ist in diesen zwölf enthalten.

2.  Der Geist ist komplex. Lassen Sie uns zunächst den Fokus auf den Körper und die fünf physischen Sinne lenken (d.h. auf 10 von 12):

  • Können wir unsere internen physischen Sinne (Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körperempfindung) zu unserer Zufriedenheit erhalten?
  • Können wir die erhalten, die in der Außenwelt sind und die wir gern erfahren (Sichtbares, Geräusche, Gerüche, Geschmäcke, Berührbares)?

3. Zuerst lassen Sie uns darüber nachdenken, ob wir unseren physischen Körper und die damit verbundenen Sinne zu unserer Zufriedenheit erhalten können.

  • Es ist wahr, dass wir unsere fünf physischen Sinne für viele Jahre zu unserer Zufriedenheit pflegen können. Das ist der Grund, weshalb die Menschen sich keine Zeit nehmen über diese Ideen nachzudenken. Es gibt viele Versuchungen da draußen und wir wollen nicht erst auf die nächste Gelegenheit warten, um wieder solche Sinnesvergnügen zu erleben. Aus diesem Grund sagte der Buddha, dass das Leid „unter einem Schleier des scheinbaren Vergnügens versteckt“ ist.
  • Wir beginnen das Gefühl dieses versteckten Leidens zu erkennen, wenn wir das mittlere Alter passieren. Unsere fünf physischen Sinne werden schwächer. Die Sehkraft lässt nach, das Gehör funktioniert nicht mehr optimal, der Geschmack war auch schon mal besser, die Nase ist weniger empfindsam und der Körper ist auch nicht mehr in Bestform. Vielleicht verlieren wir Haare oder Zähne. Wir nehmen Tabletten, haben eine OP usw.
  • Was tun dann viele? Wir suchen nach Möglichkeiten, um die Sache zu verbessern oder zumindest zu verbergen: Wir tragen eine Brille, ein Hörgerät, würzen kräftiger oder brauchen mehr Kosmetik. So manches ist natürlich notwendig, um überhaupt ein sinnvolles Dasein zu gewährleisten oder ein gewisses Maß an Selbstvertrauen zu erhalten.

4. Aber egal was wir tun, es kommt eine Zeit, wo nichts mehr funktioniert. Der ganze Körper beginnt zu verfallen. Wir können alle Haare verlieren, die schlaffe Haut nicht mehr durch eine OP verbessern. Wir können völlig taub sein oder nichts mehr schmecken. Am besten lässt sich das in einem Altenheim beobachten.

  • Wir werden im Alter schneller krank.
  • Aber das Schlimmste ist, dass unser Gehirn schlechter funktioniert, was zu Gedächtnisverlust und Unfähigkeit zu Denken führt.
  • Dann ist es zu spät. Wenn wir erkennen, dass unser Geist schwach ist, dann werden wir wirklich hilflos.

5. Einige Menschen sterben im jungen Alter aus unerwarteten Ursachen. Aber das ist das gleiche: sie konnten die Dinge nicht so erhalten, wie sie erhofft hatten. Wir hätten zumindest einen Teil dieses Leidens verhindern können, indem wir die Ursachen für das Leiden verstehen und unsere Aufmerksamkeit auf „fruchtbare Dinge“ konzentrieren. Wir werden solche „fruchtbaren Taten“ besprechen, nachdem wir das Leiden wegen der äußeren Dinge in dieser Welt betrachtet haben.

  • Das bisher betrachtete Leiden ergibt sich aufgrund eines Aspekts der Anicca-Natur: Die Dinge und Angelegenheiten dieser Welt unterliegen dem Verfall und der Zerstörung. Nichts in dieser Welt ist frei davon. Dies ist Teil von Viparināma Dukkha oder Leiden aufgrund von Veränderung und Zerfall.

6. Lassen Sie uns jetzt die äußeren Dinge untersuchen, die „unsere physische Welt“ ausmachen: Sichtbares, Geräusche, Gerüche, Geschmäcke, Berührbares wird mit den fünf physischen Sinnen erfahren.

  • Das Leid im Zusammenhang mit den äußeren Dingen entsteht NICHT unbedingt, weil sie „vergänglich“ sind, wie oft geglaubt wird. Es gibt viele äußere Dinge, die extrem langlebig sind, zumindest im Vergleich zu unserer Lebenszeit. Eine Goldkette existiert für Millionen Jahre. Wenn jemand aufgrund einer Goldkette leidet, dann auf jeden Fall nicht, weil die Goldkette „vergänglich“ ist. Wir werden einige Beispiele unten diskutieren.

7. Natürlich gibt es viele wirklich „vergängliche“ Dinge, die wir verwenden. Und wir sind enttäuscht oder traurig, wenn diese Dinge vergehen. Zum Beispiel kaufen wir einen schönen Satz Teller und wenn sie kaputt gehen, werden wir enttäuscht oder verärgert. Aber wir können immer einen neuen Satz Teller kaufen. Das ist kein Problem, jedenfalls wenn man vermögend genug ist. Selbst wenn das ganze Haus einer wohlhabenden Person abbrennt, kann diese Person leicht einen besseren Ersatz finden. So könnte man denken, dass reiche Leute weniger Leid ausgesetzt sind.

  • Aber das ist nicht der Fall. Wenn es um Leiden geht, ist Reichtum kein großer Faktor. Wir hören von reichen und berühmten Menschen, die sogar Selbstmord begehen.
  • Der größte Teil des Leidens im Zusammenhang mit äußeren Dingen entsteht durch „unfruchtbare Gedanken“ in unserem Geist: Leiden entsteht in erster Linie wegen der Anhaftung an Dinge, die wir mögen oder hassen. Dies ist ein wichtiger Punkt und der braucht eine Menge Kontemplation.

8. Lassen Sie uns einige Beispiele betrachten.

  • Ein Hurrikan zerstört eine große Ackerfläche, was einen erheblichen Schaden zur Folge hat. Die meisten Menschen, die in der Nähe leben, wären froh, wenn ihre Häuser nicht beschädigt sind. Sie werden aber nicht sonderlich über den Verlust der Ackerfläche verstört sein. Der einzig Leidende ist der Besitzer dieses Landes. Das Leiden entsteht durch den Verlust oder die Beschädigung oder Zerstörung von etwas, an dem man anhaftet. Das Leiden war nicht in diesem Ackerland enthalten.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Eine wohlhabende Person A stellt Person B ein, um im Haus von Person A zu leben und die Pflege des Hauses und des Gartens zu übernehmen. Person A lebt nicht einmal in diesem Haus. Person B wohnt im Haus und kümmert sich gut um Haus und Garten. Wenn man nicht den wirklichen Besitzer kennen würde, könnte man denken, dass Person B der Eigentümer ist. Person B fährt ein paar Tage zu seiner Familie auf Besuch. Ein Feind der Person A brennt in der Zeit das Haus nieder. Wer leidet jetzt? Person B fühlt sich vielleicht schlecht über den Verlust seines Arbeitgebers, aber es ist Person A, die hauptsächlich durch den Verlust des Hauses leidet. Auch wenn Person B viele Jahre in diesem Haus lebte, hat sie keine Wahrnehmung von „Eigentum“ an dem Haus und damit eine geringere Anhaftung.

  • Im Fall der Goldkette leidet jemand, wenn er sie verliert. Das Leiden entsteht nicht aufgrund einer „Unbeständigkeit“, sondern aufgrund der Unfähigkeit der Person „es zur Zufriedenheit zu erhalten“.

9. Bedeutet dies, dass eine besitzlose Person glücklich ist? Ganz und gar nicht. Auch wenn man nichts besitzen will, hat man immer noch Verlangen nach angenehmen Dingen. Ein großer Teil des Leidens entsteht durch Unfähigkeit zu bekommen, was man will. Der Besitzlose möchte vielleicht ein großes Haus, ein schönes Auto, einen tollen Partner usw. Diese Person leidet nicht durch Verlust von physischen Gegenständen, sondern durch ihre Unfähigkeit solche Dinge zu bekommen.

  • Reich oder arm spielt keine Rolle. Die eigentliche Ursache des Leidens ist in unserem Geist. Eine reiche Person kann wegen dem Verlust von etwas leiden, eine arme Person kann wegen der Unfähigkeit zu besitzen leiden. Beide sind enttäuscht wegen ihrer geistigen Aktivitäten: Anhaftung an vorhandenen Besitz oder Verlangen nach ersehntem Besitz. Dies ist ein weiterer Aspekt der Anicca-Natur: er ist vor allem geistig und wird als Sankhàra Dukkha bezeichnet. Er entsteht durch die Anstrengung um Dinge zur Zufriedenheit zu erhalten (oder zu handhaben oder zu bekommen).
  • Wenn wir ein schönes Haus erwerben, gibt es unendlich viele Dinge zu tun, um es zur eigenen Zufriedenheit zu erhalten. Dies ist auch Teil von Sankhàra Dukkha. Oft bemerken wir dieses Leiden nicht. Denken Sie darüber nach, wieviel Arbeit wir haben, um ein gutes Essen vorzubereiten, was wir innerhalb von 10 bis 15 Minuten aufessen. Dann brauchen wir mehr Zeit zum Aufwasch. Wir schuften über Stunden für ein kurzes Sinnesvergnügen.

10. Externe Dinge sind auch Menschen. Die Menge des Leidens durch Verlust einer Person ist direkt proportional zur Anhaftung an diese Person, d.h. wie nah man dieser Person stand. Wenn Person X stirbt, leiden die engsten Familienmitglieder am meisten. Freunde und entfernte Verwandte leiden weniger. Unbeteiligte leiden gar nicht.

  • Man kann sich nicht vom Leiden befreien, indem man die Familie verlässt. Das wäre ein unmoralischer Akt mit schlimmen Folgen. Die Anhaftung lässt mit wachsender Weisheit nach, wenn man tiefere Aspekte des Dhamma versteht: Grundsätzlich gibt es einen Unterschied zwischen dem Erfüllen von Verpflichtungen, dem Rückzahlen von Schulden und der Anhaftung mit Gier. Das wird klarer, wenn wir mit Paticca Samuppada fortfahren.

11. Natürlich entsteht Sankhara Dukkha auch mit Hass. Das geht etwas tiefer, denn Hass ist die zweite Manifestation von Gier. Hass entsteht, wenn uns etwas oder jemand in den Weg kommt, während wir etwas Bestimmtes wollen. Wir werden die Ursachen für Hass in Paticca Samuppàda untersuchen. Jetzt müssen wir im Auge behalten, dass jemand etwas Schlimmes tut (uns in den Weg kommt), weil wir dieser Person in der Vergangenheit etwas Schlechtes angetan haben. Dinge geschehen immer aufgrund einer oder mehrerer Ursachen. Wir können oft nicht die Ursachen sehen,  weil der Wiedergeburtsprozess die Dinge verborgen hält.

  • Auf jeden Fall leiden wir selbst, wenn wir über eine ungeliebte Person oder Sache nachdenken. Die bloße Erwähnung eines Namens kann uns schon an schlechte Dinge erinnern, die von der Person getan wurden und wir kreisen über dem Thema. Wir bringen dieses Leid zu uns. Wenn wir auch noch zurückschlagen, werden die Dinge noch schlimmer.
  • Es ist gut eigene Erfahrungen zu analysieren.

Wir besprechen Dukkha Dukkha als dritte und letzte Kategorie des Leidens im nächsten Beitrag.

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