Zeitliche Entwicklung eines Gedankens (Citta)

Einführung

1. In der konventionellen Welt gibt es nur ein Wort für “eine Erkenntniseinheit” bzw. “ein Gedanke”. Der Buddha aber erklärte, dass ein “Gedanke” als reines Citta entsteht und durch neun Stufen kontaminiert wird (verunreinigt), um schließlich Viññānakkhandha zu werden. Was wir tatsächlich erleben, ist Viññānakkhandha.

  • Selbst nach Durchlaufen der 9 Stufen wird es aber aus Gründen der Einfachheit noch immer als Citta bezeichnet, auch in den Sutta. Man muss also darauf achten, was in Abhängigkeit vom Kontext gemeint ist.
  • Einige dieser Begriffe, die eine der 9 Stufen beschreiben, werden in vielen Lehrbüchern und Internetseiten zum Buddhismus synonym als „Gedanke“ verwendet (z.B. citta, mano, viññāna) und das ist NICHT korrekt.

2. Dieser Text soll zeigen, wie ein Citta innerhalb eines Sekundenbruchteils kontaminiert wird.

  • Es ist nicht möglich, die Verunreinigung eines Citta in so kurzer Zeit zu stoppen, auch wenn es sogar einige angesehene Dhamma-Lehrer gibt, die sagen, man könne durch Anstrengung verhindern, dass ein Pabhassara Citta (ein reines Citta) kontaminiert wird.
  • Es wird hoffentlich deutlich, dass so etwas nicht möglich ist. Je nach Gati und Sinneseindruck wird ein Citta kontaminiert. Diese Verunreinigung stoppt mit der Zeit, wenn man sein Gati verändert. Dazu folgt man dem edlen Pfad und praktiziert insbesondere Ānapana und Satipatthana Bhavana.

Neun Stufen eines Gedankens (Citta)

3. Diese neun Stufen der Verunreinigung der grundlegenden Erkenntniseinheit sind: citta, manō, mānasan, hadayan, pandaran, manō manāyatanam, mana indriyam (oder manindriyam), viññāna, viññānakkhandha. Eine Tipitaka-Referenz ist Paṭic­ca­samup­pāda­ Vibhaṅga, Abschnitt 2.5.1. Akusalacitta.

  • Diese 9 Schritte laufen innerhalb eines Sekundenbruchteils ab. In einem Augenblick entstehen und vergehen Milliarden von Citta. Jedes Citta kann man in drei Abschnitte unterteilen: Uppada, Thiti, Bhanga (entstehen, Gipfel erreicht und sich verändernd, auflösen). Die 9 Stufen werden durchlaufen, bevor es zum Bhanga bzw. zur Auflösung des Citta kommt.

4. Angenommen, drei Personen A, B, C sitzen in einem Café. Sie alle sehen zur Tür, wo Person X hereinkommt. Angenommen, Person X ist ein enger Freund von A, der schlimmste Feind von B, und C kennt X überhaupt nicht. Nehmen wir auch an, alle seien männlich.

  • Was geschieht nun in Sekundenbruchteilen? A erkennt X als Freund und lächelt. B erkennt X als Feind und sein Gesicht verfinstert sich. C sieht in X eine unbekannte Person ohne weitere emotionale Regung.

5. Dies ist ein Beispiel für Cakkhu Viññāna, ein Sehereignis. Es dauert nur einen Sekundenbruchteil, genau wie die Aufnahme eines Fotos mit der Kamera.

  • In einem Menschen-Geist geschieht jedoch etwas sehr Komplexes, wenn ein “Sehereignis” eintritt.
  • Es ist von entscheidender Bedeutung, langsam vorzugehen und zu analysieren, was passiert. Es ist viel komplexer als nur „ein Bild“ mit der Kamera zu machen.

6. Innerhalb dieses Sekundenbruchteils erkennt A Person X als guten Freund und angenehme Gefühle tauchen auf. A wird erfreut. B erkennt Person X als schlimmsten Feind und schlechte Gefühle tauchen auf. B wird verärgert. Andererseits erkennt C Person X nur als unbekannten Mann und es entstehen keine weiteren Gefühle.

  • Wir denken normalerweise nicht zweimal über diese Beobachtung nach. Wenn man jedoch sorgfältig analysiert, was passiert, kann man leicht erkennen, dass dies ein erstaunlich komplexer Prozess ist.
  • Wie führt das gleiche Sehereignis zu all den unterschiedlichen Veränderungen im Geist von drei verschiedenen Menschen? (Und die Emotionen zeigen sich sogar auf ihren Gesichtern!)
  • Niemand außer einem Buddha kann tatsächlich die schnelle zeitliche Entwicklung eines Citta sehen.
  • Der Buddha hat diesen Prozess bis ins kleinste Detail analysiert. Wir betrachten hier nur die wichtigsten Funktionen.

Nichts ist schneller in dieser Welt

7. Der Buddha sagte, es sei schwierig, auf dieser Welt ein Phänomen zu finden, was sich schneller ändert als der Geist: Aṅguttara Nikāya (1.48).

Nāhaṃ, bhikkhave, aññaṃ ekadhammampi samanupassāmi yaṃ evaṃ lahuparivattaṃ yathayidaṃ cittaṃ. Yāvañcidaṃ, bhikkhave, upamāpi na sukarā yāva lahuparivattaṃ cittan”ti.”

Übersetzt: „Ich stelle fest, Bhikkhus, dass es kein Phänomen gibt, was so schnell kommt und geht wie ein Citta. Es ist nicht leicht, eine Analogie zu finden, die zeigt, wie schnell sich ein Citta ändern kann.“

Drei Merkmale eines Seh-Ereignisses (Cakkhu Viññāna)

8. Das Sehereignis hat drei Grundfunktionen:

  • Man gerät definitiv in einen emotionalen Zustand (angenehm, unangenehm oder neutral, in Pāli: sukha, dukha, upekkha) und das ist Vedanā.
  • Man erkennt das Objekt und das ist Saññā.
  • Basierend auf diesen Beiden erzeugt man andere geistige Eigenschaften wie Ärger, Freude…. d.h. andere mentale Faktoren (Cetasika) treten zusätzlich zu Vedanā und Saññā auf. Das sind Sankhāra.
  • Das Obige gilt natürlich für alle sechs Arten von Viññāna.

9. Viññāna kann man die “gesamte Sinneserfahrung” nennen, die alle drei umfasst: Vedanā, Saññā, Sankhāra.

  • Aber Viññāna kann mehr als die Summe dieser drei sein, und das erfordert einen weiteren Text. Für die aktuelle Betrachtung ist das nicht wichtig.

10. Wir können also feststellen, dass diese drei Personen A, B, C bzgl.  des einen Sehereignisses zu drei verschiedenen Geisteszuständen kommen.

  • Dieser „Geisteszustand“ mit Vedanā, Saññā, Sankhāra wird Viññāna genannt. Viññāna ist die gesamte Sinneserfahrung in diesem Augenblick.
  • Es gibt sechs Arten von Viññāna, die den sechs Sinnesfähigkeiten entsprechen (Auge, Ohr, Zunge …).

11. Aus diesem einfachen Beispiel lernen wir wichtige Funktionen.

  • Es gibt kein einzigartiges Ding namens Viññāna. Wenn wir etwas hören, entsteht Sōta Viññāna, wenn wir etwas schmecken, entsteht Jivhā Viññāna usw. Insgesamt gibt es sechs Arten von Viññāna, die mit den sechs Sinnesfähigkeiten assoziiert sind: cakkhu (sehen), sōta (hören), ghāna (riechen), jivhā (schmecken), kāya (berühren) und manō (Geist).
  • Jedes führt zu folgenden Ergebnissen: sukha, dukha oder upekkha vedanā; erkennen, um welche Art von Bild, Geräusch usw. es sich handelt (saññā); andere Arten von Cetasika entstehen (sankhāra) in Abhängigkeit vom wahrgenommenen Sinnesreiz UND der „Natur der Person” (gati). Jede Person hat eine einzigartige (aber sich ändernde) Ansammlung von guten und schlechten Gati.

Abhängigkeit vom „Gedankenobjekt“

12. Nehmen wir nun an, dass X die Freundin von B ist, die aber mit A nicht gut klarkommt. C ist ein junger Mann, der X noch nie gesehen hat.

  • Jetzt sehen wir, wie sich Gefühle von A und B umkehren. A wird augenblicklich genervt sein, X zu sehen, und B wird sich über das Erscheinen von X freuen.
  • In Bezug auf C könnte die Situation anders sein als zuvor. Wenn X für C attraktiv ist, kann C augenblicklich einen lustvollen Geisteszustand ausbilden.

13. Wir sehen also, dass die Art des Cakkhu Viññāna in erster Linie von zwei Dingen abhängt: der Person, die es erlebt, und dem fraglichen Sinnesobjekt (in Pāli: ārammana).

  • In den beiden oben genannten Fällen erlebten A und B verschiedene Arten von Viññāna. Ihre Wahrnehmung kehrte sich jedoch um, als das Sinnesobjekt wechselte.
  • Selbst wenn eine Person zuvor keinen Kontakt zu einem Sinnesobjekt hatte (C sieht eine attraktive Frau), kann im Falle von C ein lustvolles Viññāna aufgrund seines „lustvollen“ Gati entstehen. Das lustvolle Gati war also zuvor schon im Geist von C, es fehlte nur der Trigger, um das Gati abzurufen.
  • Wenn C ein Arahant wäre, könnte C nur Upekkha Viññāna erzeugen, wenn X erscheint. Ein Arahant hat alle Gati entfernt.

14. Eine bestimmte Person hat also keine dauerhaften guten oder schlechten Viññāna. Welches Viññāna entsteht, hängt vom Gati der Person und dem Sinnesobjekt ab.

  • Normalerweise bezeichnen wir jemanden aufgrund seines Gesamtcharakters als “guten Menschen”, d.h. wenn diese Person im Laufe der Zeit mehr “gute” als “schlechte” Charaktere zeigt. Aber nur ein Arahant ist „definitiv eine moralische Person“, die zu 100% moralisch handelt.

Einfache Erklärung der neun Stufen

15. Die erste Stufe (Citta) ist nur das Bewusstsein, was mit „nicht kontaminierten“ Vedanā und Saññā und fünf weiteren universellen Geistesfaktoren (cetasika) einhergeht: phassa, cetanā, manasikara, ekaggatā, jivitindriya. Man ist sich nur bewusst, dass man lebt und etwas erlebt.

  • Auf der Stufe Manō hat der Geist „gemessen“, was das Objekt ist (මැනීම auf Singhalesisch): z.B. ob es ein Baum, ein Mensch oder ein Vogel ist.
  • Auf der folgenden Mānasan-Stufe kann der Geist zwischen verschiedenen Arten unterscheiden: ob es eine Frau oder die eigene Mutter ist oder ob es ein Papagei oder einen Kolibri ist. Dies ist das „reine und vollständige Bewusstsein“: Man sieht die Außenwelt so, wie sie wirklich ist. Der Geist eines Arahant wird nicht weiter als zu dieser Stufe kontaminiert. Dies wird auch pabhassara citta genannt und es führt nicht zur Wiedergeburt.

16. Auf der Hadayan-Stufe (හාද වීම auf Singhalesisch) wird der Geist an das Objekt gebunden (oder von ihm abgestoßen), basierend auf den vorherigen Erfahrungen und dem Gati.

  • Diese Anhaftung wird in den nächsten Stufen verstärkt bis zum Erreichen der Viññāna-Stufe, wo es vollständig „korrumpiert“ ist.
  • Schließlich wird das Vinnana zum Viññānakkhandha hinzugefügt. Mit jedem Gedanken wächst also Viññānakkhandha.

17. Im Beispiel ganz oben stoppte der Geist von C auf der Stufe Mānasan (dies ist nur teilweise richtig, aber wir müssen hier nicht auf Details eingehen). Im zweiten Beispiel, wo C lustvolle Gedanken erzeugt, wird jedoch ganz klar die Vinnana-Stufe erreicht (kontaminiert).

  • Natürlich wird ein Arahant niemals über die Manasan-Stufe hinausgehen, egal welches Sinnesobjekt auftaucht. Insbesondere entsteht kein Lobha, Dosa oder Moha Cetasika.

18. Ein Citta wird also automatisch entsprechend der Persönlichkeit (Gati) und dem Sinnesobjekt verunreinigt.

  • Wir haben keine Kontrolle über die anfänglichen Citta, die automatisch beim Auftauchen eines Sinnesobjekts entstehen (Manosankhara).
  • Wenn wir jedoch diese erste Reaktion bemerken, KÖNNEN wir die nachfolgenden Citta durch Achtsamkeit steuern. Das ist der Schlüssel zu Anapāna– und Satipatthāna-Meditation.

19. Die hier betrachteten sechs Arten von Viññāna sind alles Vipaka Viññāna. Sie entstehen aufgrund vergangener Kamma.

  • Dann gibt es noch Kamma Viññāna, die wir selbst erschaffen. Siehe Vinanna II.
  • Wir müssen das Entstehen von Kamma Viññāna stoppen. Nur darüber können wir mit Sati die Kontrolle erlangen. Wir haben keine Kontrolle über Vipāka Viññāna.
  • Der Geisteszustand eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt hängt von seinem Gati UND dem externen Sinnesobjekt ab.

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