Was ist Geist? Wie erleben wir die Außenwelt?

1. All unser Erleben der Außenwelt kommt durch sechs „Türen“ (dvara) bzw. Ayatana herein: Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist. Durch diese sechs Türen können wir sehen, hören, riechen, schmecken, berühren und Konzepte erkennen („Konzepte“ sind Erinnerungen oder Pläne für zukünftige Ereignisse).

  • Die sechs Sinnesfähigkeiten nannte der Buddha sabba bzw. „alles“. Es sind 12 Ayatana (6 interne und 6 externe). Die entsprechenden sechs externen Ayatana sind Rupa, Sadda, Gandha, Rasa, Pottabba, Dhamma.

2. Sinneserfahrungen machen wir mit Citta bzw. Gedanken. Aber das ist keine gute Übersetzung. Normalerweise verbinden wir „Gedanken“ mit einer Idee oder einem visuellen Ereignis. Aber Citta sind extrem schnell und niemand kann ein einzelnes Citta wahrnehmen, was eine Nanosekunde oder weniger andauert. Siehe Citta und Cetasika – Wie Viññāna (Bewusstsein) entsteht.

3. Beim Betrachten eines Objektes wird visuelles Bewusstsein erzeugt (cakkhu viññāna): Das Verstehen des Gesehenen wird durch eine Reihe sehr schneller Gedankenprozesse realisiert. Milliarden Citta entstehen und vergehen jede Sekunde, so dass ein Citta bzw. Gedankenmoment nur eine Nanosekunde anhält. Schauen wir uns an, wie der Geist ein Objekt in einer Reihe sehr schneller Schnappschüsse „sieht“:

  • Das „Auge“ macht eine Momentaufnahme des Objekts und das Gehirn überträgt die erfasste Information zum Geist: Dieser Prozess benötigt 17 Gedankenmomente (abgekürzt: GM) bzw. Citta. Diese Abfolge der GM nennt man „5-Türen Citta Vithi“ (bzw. pancadvāra citta vithi). Als nächstes analysiert der Geist diesen Eindruck mit drei Citta Vithi, die nur den Geist betreffen. Diese letzteren „Geist-Tür-Citta-Vithi“ (manōdvāra citta vithi) sind kürzer, ungefähr zehn GM. Sie versuchen zu erkennen, was das Objekt ist (Farbe, Form …).
  • Dann sendet das „Auge“ weitere Schnappschüsse via Gehirn zum Geist, wo wiederum Pancadvāra Citta Vithi mit 17 GM das Gesehene empfangen. Es folgen auch jeweils 3 Manōdvāra Citta Vithi mit etwa 10 GM. Damit wird das Objekt immer besser erkannt. Dieser sich widerholende Prozess wird fortgesetzt, bis das Objekt bestimmt ist.
  • Der Prozess wird nur durch die Zeit verlangsamt, die das Gehirn benötigt, um die von einem der fünf Sinneseingänge (pancadvāra) erfasste Information zusammenzustellen. Diese Zeit liegt in der Größenordnung von 10 Millisekunden (10 ms). Siehe Was ist ein Gedanke?. Es können also nur etwa 100 Sinneseindrücke (oder 600, falls sie parallel verarbeitet werden) pro Sekunde erfasst werden. Da die Wissenschaft weiß, dass das Gehirn unterschiedliche Regionen für die Verarbeitung unterschiedlicher Sinneseindrücke benutzt, könnte 600 die korrekte Zahl sein.

4. Sobald das Gehirn ein „Informationspaket“ an den Geist sendet, wird dieses sehr schnell verarbeitet, und zwar innerhalb einer Nanosekunde! Somit wird der ganze Prozess nur vom Gehirn verlangsamt. Trotzdem wird jedes Sinnesobjekt im Sekundenbruchteil erfasst.

  • Manche denken vielleicht: „Das sieht nach einer weit hergeholten Theorie aus, die sich jemand ausgedacht hat.“ Der Buddha aber sagte, er habe alles erlebt, was er lehrte. Phänomene in dieser schnellen Zeitskala sind nur für einen Buddha erkennbar.
  • Der Buddha erklärte Sariputta die wichtigsten Aspekte. Es waren Sariputta und seine Bhikkhus, die Abhidhamma entwickelten, wo all diese Details ausgearbeitet vorliegen. Es dauerte Generationen von Bhikkhus, um das Abhidhamma zur endgültigen Form zu entwickeln. Diese endgültige Form wurde erst beim dritten Sangāyanā (Buddhistisches Konzil) rezitiert und 29 v.Chr. im Tipitaka niedergeschrieben (vor 100-200 unserer Zeit gab es viele Arahants; siehe Falsche Thēravada-Interpretationen – Historische Zeitleiste). Die Wahrheit dieser winzigen Details wird offensichtlich, wenn alle beobachtbaren Phänomene unter Verwendung aller drei Formen von Dhamma im Tipitaka erklärt werden (Sutta, Vinaya, Abhidhamma).

5. Wenn all die Informationen über die Sinneseingänge hereinkommen, erkennt der Geist das Objekt. Das ist Saññā bzw. Wahrnehmung. Basierend auf dieser Erkenntnis werden Gefühle (vēdanā) erzeugt (z.B. wenn wir einen Freund sehen, erzeugen wir glückliche Gefühle).

  • Handelt es sich beim Erkennen um ein „interessantes Objekt“, kann der Geist das „Kreisen“ über dem Objekt starten: den Paticca Samuppāda Prozess, der zur Ansammlung von Sankhāra führt.

6. Das Erleben eines visuellen Objekts wie im obigen Beispiel erzeugt also verschiedene geistige Phänomene: vēdanā, saññā, sankhāra. Während dieses gesamten Prozesses fließen Viññāna bzw. Citta. Viññāna ist das momentane Bewusstsein, ein Citta mit zugehörigen Cetasika. Im obigen Beispiel wechselt es zwischen visuellem Bewusstsein (cakkhu viññāna) und geistigem Bewusstsein (mano viññāna).

  • Der Grundzustand des Geistes ist Bhavanga (ohne auf Rupa bzw. ein Objekt gerichtet zu sein). Hier „fühlen“ wir nichts. Der Geist fällt zwischen den Citta Vithi zurück zum Bhavanga.

7. Dieselbe Art von Prozess geschieht mit allen fünf physischen Sinnen (hin und her zwischen Sinnesfähigkeit und Geist). Wenn sich jemand nur an ein vergangenes Ereignis erinnert oder etwas plant, handelt es sich ausschließlich um Gedankenprozesse (nur manōdvāra citta vithi).

Schauen wir nun auf einige Details, wie der Geist die „Signale“ aus der Außenwelt verarbeitet, wenn mehrere „Signale“ eingehen.

  • Wenn wir einen Film schauen, projiziert der Fernseher ungefähr 30 bis 50 statische Bilder pro Sekunde auf die Leinwand. Ein Film ist eine Reihe statischer Bilder. Wenn die Projektionsrate über 30 Bilder pro Sekunde liegt, sehen wir scheinbar einen fortlaufenden Film, keine einzelnen Bilder. Obwohl Citta in Größenordnung von Milliarden pro Sekunde durchlaufen, „erleben“ wir kein einzelnes Citta, nicht einmal ungefähr.
  • Diese schnellen Citta Vithi (etwa 100 pro Sekunde) ermöglichen auch, alle sechs Sinneseindrücke von der Außenwelt „gleichzeitig“ wahrzunehmen. Zumindest erleben wir sie als „gleichzeitig“. Zum Beispiel können wir einen Film sehen und Popcorn genießen. Somit sehen und hören wir den Film, essen Popcorn, fühlen den Popcornbecher und denken möglicherweise über eine Szene nach.
  • Citta Vithi wechseln zwischen den sechs Sinnen. Das ist nur möglich, weil hunderte von Citta Vithi pro Sekunde entstehen und vergehen. Da alles so schnell abläuft, erleben wir die „Welt“ scheinbar „simultan“, d.h. als fortlaufenden „Film“.
  • Darüber hinaus kann der Geist eine Vielzahl von „Signalen“ ignorieren, die für die Gewohnheiten (gathi) und Verlangen (asava) einer Person nicht von Interesse sind.

8. Informationen gelangen beim Menschen also via Gehirn zum Geist. Alle fünf physischen Sinneseindrücke (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren) kommen via Gehirn. Das Nachdenken über Konzepte bezieht auch das Gehirn mit ein (hier sind nur manōdvāra citta vithi beteiligt). Dies geschieht viel schneller als bei pancadvara citta vithi.

  • Wenn man alt wird, funktioniert das Gehirn weniger effizient. Das Gehirn kann auch durch Kamma Vipāka geschädigt werden. Alzheimer ist zum Beispiel ein Kamma Vipāka.
  • Mit zunehmendem Alter funktionieren auch andere Körperteile weniger effizient und sind auch anfälliger für schlechtes Kamma Vipāka. Kamma Vipāka sind aber nicht deterministisch: sie tragen nur dann Früchte, wenn Bedingungen passen (siehe Sankhara, Kamma, Kamma Beeja, Kamma Vipaka).

9. In jedem Fall geht der Geist in den Grundzustand Bhavanga, sogar zwischen einzelnen Citta Vithi. Wenn der Geist ziemlich inaktiv ist, bleibt er meist im Bhavanga. Wenn jemand bewusstlos ist oder tief schläft, befindet er sich für die gesamte Dauer im Bhavanga. Wenn man aber einen Traum sieht, ist der Geist aktiv. Siehe Bhavanga.

  • Selbst wenn Citta Vithi mit hoher Anzahl beim Filmschauen ablaufen, fällt der Geist immer wieder zum Bhavanga zurück.
  • Bei all dem oben Gesagten geht es darum, Informationen von der Außenwelt zu erhalten und sich dann via Tanha an „Dinge“ zu binden, Mano Sankhāra zu erzeugen usw.

10. Auf Grundlage dieses Prozesses kann man beschließen, verbal oder körperlich zu handeln, d.h. Vaci Sankhāra und Kaya Sankhāra. All dies geschieht auch mit dem Geist. Jede Handlung benötigt Citta Vithi.

  • Darum sagte der Buddha: manō pubbangamā dhammā bzw. „der Geist geht den Dingen voraus…“. Wir können nicht einmal einen Finger heben ohne Citta Vithi, d.h. ohne Initialisierung durch den Geist. Der physische Körper mit dem Gehirn als „hoch entwickeltem Kontrollzentrum“ hilft dem Geist, die gewünschte physische Aktivität auszuführen.

Weitere Lektüre: „A Comprehensive Manual of Abhidhamma“ (engl.) von Bhikkhu Bodhi (2010). Das Buch fasst Citta und Cetasika gut zusammen. Aber Betrachtungen zu Paticca Samuppāda oder Anicca, Dukkha, Anatta sind nicht korrekt.

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