Erste edle Wahrheit – Mythen über das Leiden

Viele Menschen glauben, dass die erste edle Wahrheit nur aussagt, dass alles Leiden ist. Einige meinen auch, dass man dieses bestehende Leiden IN DIESEM LEBEN durch umfangreiche und ausgefeilte Meditationstechniken „beseitigen“ kann.

1. Der Buddha sagte: „Mein Dhamma war dieser Welt bisher nicht bekannt.” Deshalb sollten wir sorgfältig prüfen, was mit Leiden wirklich gemeint ist.

  • Was ist neu an der edlen Wahrheit über das Leiden? Jeder weiß, dass es Leiden im hohen Alter, bei Krankheit, Armut usw. gibt.
  • Ist es möglich, bestehendes Leiden durch Meditation zu entfernen? Kann man zum Beispiel eine Krankheit durch Meditation überwinden? Wenn jemand alt wird und Schmerzen hat, kann dies dauerhaft durch Meditation beseitigt werden? Obwohl einige Probleme sicher behandelt werden können, letztlich können wir solche EFFEKTE bzw. Endergebnisse NICHT ändern.

2. Lassen Sie uns diese beiden Punkte einzeln betrachten.  Zuerst wollen wir sehen, ob es möglich ist, das bestehende Leiden zu entfernen.

  • Wenn zum Beispiel jemand Schmerzen aufgrund des hohen Alters hat, ist es nicht möglich diese loszuwerden, außer durch Symptombekämpfung und Linderung durch Medikamente. Wenn jemand Krebs bekommt, kann man seinen Lebensstil ändern und Medikamenten nehmen. Manchmal hilft es, manchmal nicht. Sogar der Buddha hatte altersbedingte Schmerzen und am Ende hatte er starke Bauchschmerzen.
  • In diesem Zusammenhang ist zu sagen, dass es zwei Arten von Vedana (Gefühle) gibt: einmal die durch Kamma Vipaka verursachten und andererseits die durch Sankhara ausgelösten (aufgrund von Anhaftung an Sinnesvergnügen und Dingen dieser Welt). Ein Arahant wird nur die zweite Art los (bis zum Parinibbana bzw. Tod). Siehe Gefühle: Sukha, Dukha, Somanassa, Domanassa.
  • Tatsächlich kann man nur sehr schlecht meditieren, wenn man unter physischen Schmerzen leidet. Auch wenn jemand Jhanas entwickelt hat, kann er/sie möglicherweise nicht zum Jhana gelangen, wenn Schmerzen zu ablenkend sind.
  • Der Sinn buddhistischer Meditation ist es, die wahre Natur der Welt zu erkennen und die URSACHEN dieses Leidens zu finden, sodass diese Ursachen gestoppt werden können. Damit stoppt man das Leiden der ZUKUNFT.
  • Mit verschiedenen Arten von Meditation kann man sich Erleichterung vom Alltagsstress verschaffen. Es ist in jedem Fall gut, das zu tun. Aber solche Praktiken gab es schon vor dem Buddha. Es war nicht nötig, dass ein Buddha dies der Welt offenbarte.
  • Solche Samatha-Meditationen sind vergleichbar mit der Einnahme von Aspirin gegen Kopfschmerzen. Man hat kurzfristig Erleichterung, aber es ist nur Symptombekämpfung. Aber das Problem, von dem der Buddha sprach, zielt auf eine viel längere Zeitskala und führt zu dauerhaftem Niramisa Sukha.

3. Was ist also die „noch nie gehörte Wahrheit über das Leiden“, die der Buddha der Welt offenbarte? Kurz gesagt, es ist das „Leiden, was in Sinnesfreuden verborgen liegt und was als Leiden in zukünftigen Leben entstehen wird“.

  • Nehmen wir ein Beispiel: Wenn ein Fisch in den Köder beißt, sieht er das in dieser Tat verborgene Leiden nicht. Wenn wir vom Ufer aus schauen, können wir das ganze Bild sehen und wissen, was mit dem Fisch passiert, wenn er in den Köder beißt. Aber der Fisch kann das ganze Bild nicht sehen und er sieht daher das verborgene Leiden nicht. Es sieht für ihn nur wie leckeres Essen aus.
  • In gleicher Weise konzentrieren wir uns nur auf leicht machbare Sinnesvergnügen, wenn wir nicht die korrekte Sichtweise auf die größere Welt mit 31 Reichen kennen.
  • Um das Leiden durch Wiedergeburt wirklich zu erfassen, muss man verstehen, dass das meiste Leiden in den 4 untersten Reichen zu finden ist (Apaya).
  • Um das größte Leiden zu stoppen, muss man zuerst die Ursachen für Wiedergeburt in den Apayas auslöschen, indem man Sotapanna wird. Siehe Nibbana im großen Bild.

4. Dieses verborgene Leiden zu sehen, ist in der Tat schwierig. Es ist nicht möglich, die gesamte Botschaft in einem Text darzulegen, aber die Grundidee kann man vermitteln. Man muss wirklich einige Zeit damit verbringen, dieses Thema zu durchdenken. Als der Buddha die vollständige Erleuchtung erlangte, erkannte er, dass die meisten Menschen diese tiefe Wahrheit nicht erfassen können. Es braucht Anstrengung und Geduld.

  • Alles geschieht aufgrund von Ursachen (meistens mehrere). Das dritte Bewegungsgesetz der Physik besagt, dass jede Aktion eine Reaktion hat. Das erste Bewegungsgesetz besagt, dass ein Objekt seinen Status nicht ändert, solange keine Kraft darauf wirkt. Es ist realtiv leicht, dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip in mechanischen Objekten zu sehen. Wenn etwas bewegt werden soll, muss eine Kraft darauf wirken. Wenn ein Stein in die Luft geworfen wird, muss er herunterfallen, wenn es Schwerkraft gibt, die ihn nach unten zieht.
  • Wir suchen Freuden, die gut wahrnehmbar sind. Wenn wir jedoch solche Freuden mit unmoralischen Taten erlangen, sind die Folgen daraus nicht unmittelbar ersichtlich. Wir können keine unmittelbaren negativen Folgen für einen Drogendealer sehen, der das Leben zu genießen scheint.

5. Das Hauptproblem beim klaren Erkennen von Ursache und Wirkung bzgl. Geisteshandlungen ist, dass die Ergebnisse dieser Handlungen zeitverzögert kommen und dass diese Zeitverzögerung nicht vorhersagbar ist. Im Gegensatz dazu ist es leicht vorherzusagen, was mit materiellen Dingen passieren wird, wenn eine Kraft auf sie wirkt. Der Erfolg der Naturwissenschaften beruht auf dieser (relativ leichten) Vorhersagbarkeit. Sobald die zugrunde liegenden Gesetze bekannt sind (Gesetz der Schwerkraft, Bewegungsgesetze, Elektromagnetismus, Kernkräfte, Quantenmechanik usw.), hat man die Kontrolle.

  • Aber der Geist ist sehr verschieden davon. Keine zwei Geiste funktionieren in genau gleicher Weise. Jeder ist einzigartig. Unter bestimmten Bedingungen wird jeder Geist anders handeln. Bei physischen Objekten ist das nicht so. Bei gleichen Bedingungen kann man das Ergebnis vorhersagen.
  • Die Auswirkungen von Handlungen (Kamma) müssen sich nicht in diesem Leben zeigen, manchmal kann das viele Leben später kommen (ggf. mit zusätzlichen “Zinsen”).
  • Geistesphänomene sind komplex: Deshalb ist Ökonomie keine “echte Wissenschaft”, denn Menschen handeln manchmal irrational, um mögliche Gewinne zu ergattern. Keine Wirtschaftstheorie kann genau vorhersagen, wie sich der Aktienmarkt entwickelt.

6. Mechanische Systeme haben eine vorhersagbare Zeitverzögerung. Wir können ein Gerät herstellen, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine bestimmte Weise arbeitet. Das wird auch zur gewünschten Zeit passieren, wenn alle mechanischen Komponenten ordnungsgemäß funktionieren. Doch beim Geist ist die Vorhersage nicht möglich. Wenn wir auf eine bestimmte Art und Weise handeln, können sich die Folgen dieser Handlung für viele Leben nicht manifestieren. Dies ist ein wichtiger Punkt zum Nachdenken.

  • Ursache und Wirkung ist ein Grundprinzip der Natur. Eine Ursache kann einen oder mehrere Effekte haben. Bei den mit dem Geist verbundenen Ursachen können lange Zeiträume notwendig sein, um den „entsprechenden Effekt“ auszulösen.
  • Daher sollte klar sein, dass “Aktion und Reaktion” bzgl. Geist gebundener Prozesse den Wiedergeburtskreislauf ERZWINGEN. Es ist nicht leicht ersichtlich und ein wesentlicher Bestandteil des “bisher nicht gehörten Dhamma“.
  • Dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip heißt im Buddha Dhamma Kamma und Kamma Vipaka. Aber anders als im Hinduismus ist Kamma nicht deterministisch, d.h. nicht alle Kamma Vipaka müssen sich verwirklichen. Siehe Was ist Kamma? Wird alles durch Kamma bestimmt?. Alle nicht verbrauchten Kamma-Samen werden null und nichtig, wenn ein Arahant stirbt.

7. Das Leben als Mensch ist ein Ergebnis vergangener guter Taten. Das Leben eines Hundes oder einer Ameise ist ein Ergebnis vergangener Taten dieser Lebewesen.

  • Und was uns in diesem Leben begegnet, ist eine Kombination aus dem, was wir in der Vergangenheit getan haben (Kamma Vipaka) UND was wir in diesem Leben tun. Ein Tier erlebt auch Kamma Vipaka aus der Vergangenheit, kann aber seinen eigenen Willen kaum kontrollieren. Das Tier-Gathi dominiert das Verhalten. Ein Mensch hingegen hat ein höheres Bewusstsein und kann seine Zukunft verändern, was möglicherweise enorme Konsequenzen hat.

8. Was können wir ändern und was kann nicht geändert werden?

  • Wir werden mit einem bestimmten Kamma Vipaka geboren. Unsere Körpermerkmale, schwere Krankheiten (wie Krebs) sind meistens nicht vollständig vorprogrammiert. Wir können viele schlechte Kamma Vipaka vermeiden, indem wir mit Achtsamkeit handeln, d.h. indem wir gut planen, umsichtig vorgehen, rücksichtsvoll sprechen usw.
  • Aber wir können nicht die Tatsache ändern, dass wir altern und sterben. Unser Leben und unser Körper sind ein ERGEBNIS.
  • Wir können die Ursachen für zukünftiges Leben verändern. Auch wenn die Meditation uns nicht von vielen Leiden befreien kann, so kann doch die richtige Meditation vorübergehende Linderung bringen und sogar das zukünftige Leiden dauerhaft entfernen (mit Erreichen der Stufen von Nibbana).

10. Die zweite edle Wahrheit beschreibt die Ursachen, an denen wir arbeiten müssen. Die Hauptursachen sind Gier, Hass und Ignoranz. Sie müssen hauptsächlich durch das Verstehen der drei Merkmale (Tilakkhana) und durch Entfernen der schlechten sansarischen Gewohnheiten beseitigt werden.

11. In der dritten edlen Wahrheit geht es darum, was durch systematische Beseitigung dieser Ursachen erreicht werden kann. Niramisa Sukha beginnt ab dem Punkt, an dem man sich auf den Pfad begibt und hat vier dauerhafte Stufen, beginnend ab Sotapanna bis hin zum Arahant.

12. Die vierte edle Wahrheit beschreibt den Pfad, um Niramisa Sukha und letztlich Nibbana zu erreichen.

13. Das oben Gesagte kann man auf viele verschiedene Weisen beschreiben und analysieren. Verschiedene Menschen erfassen das Dhamma unterschiedlich, indem sie es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Daher gitb es auch auf dieser Webseite verschiedene Abschnitte mit unterschiedlicher Tiefe.

  • Der Buddha sagte, dass man alle vier Stufen von Nibbana erreichen kann, indem man Anicca, Dukkha, Anatta auf tieferen und tieferen Ebenen versteht. Dies liegt daran, dass der Geist bei tieferem Verständnis automatisch in die richtige Richtung geht. Siehe Tiparivattaya und 12 Arten von Nana.
  • Andererseits kann man mit den verschiedenen Blickwinkeln zeigen, dass Buddha Dhamma eine vollständige Beschreibung der Natur liefert.

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