Avijja paccayā Sankhara

„Avijja paccayā Sankhara“ (Ignoranz als Ursache für unmoralische / unfruchtbare Handlungen und Gedanken).

1. Avijja wird grob als Ignoranz übersetzt, aber in vielerlei Hinsicht definiert: nicht die Vier Edlen Wahrheiten kennen, nicht den Edlen Achtfachen Pfad zu verstehen, nicht die drei Merkmale der Natur verstehen, Dukkha nicht verstehen usw.

  • All diese Definitionen sind richtig. Aber nur das Lesen der Definitionen wird nicht helfen. Der Geist muss klar sehen, wie das Leiden aus unmoralischen und unklugen Taten und Gedanken entsteht.
  • Der Paticca Samuppada Zyklus erklärt, wie die drei Arten von Leiden entstehen, weil man nicht die wahre Natur der Welt versteht und deshalb unmoralische / unfruchtbare Dinge denkt und tut.

2. Wenn Sie dies lesen, ohne die ersten beiden Beiträge gelesen zu haben, fragen Sie sich vielleicht, wo das „einfache Deutsch“ dieser Beitragsreihe zu finden ist. Ich habe diese drei Begriffe in einfachem Deutsch beschrieben. Es gibt keine einfache Möglichkeit, die gleiche Bedeutung ohne Verwendung der Pali-Schlüssel-Worte zu erhalten.

  • Man kann immer wieder zurückgehen und in vorhergehenden Beiträgen nachlesen.

3. Die Standardinterpretation von avijja paccayā sankhara lautet „Unwissenheit führt zu geistigen Formationen“. Das vermittelt jedoch nicht die zugrunde liegende Idee und führt auch in die Irre. Eine bessere Übersetzung ist vielleicht: „Unwissenheit als Hauptursache für unmoralische / unfruchtbare Taten“.

Zunächst wollen wir uns auf den Unterschied zwischen unmoralischen und unfruchtbaren Handlungen konzentrieren.

  • Dukkha Dukkha in den vier untersten Reichen ist die schlimmste Form des Leidens. Ursache dafür sind die unmoralischen Handlungen, getan mit den zehn Verunreinigungen bzw. Dasa Akusala. So sind die schlimmsten Formen von Sankhara verantwortlich für Dukkha Dukkha in den unteren vier Reichen.
  • Wir tun so starke unmoralische Handlungen wegen einem sehr hohen Grad an Ignoranz über die Folgen. Wenn man nicht an Wiedergeburt glauben kann, ist es schwer die Folgen zu erkennen. Immerhin gibt es viele Menschen, die scheinbar gut von unmoralischem Verhalten leben können.
  • Derart hohes Niveau an Ignoranz nennt man Moha (moralisch blind), und ein passendes deutsches Wort wäre Wahn oder Illusion.
  • Ein Mörder, der plant einen Menschen zu töten, glaubt die Folgen vermeiden zu können, wenn er nur gut plant und ausführt. Er versteht nicht, dass viele schlimme Konsequenzen auf ihn warten, und zwar unabhängig davon, ob er von der Polizei erwischt wird oder nicht. Er ahnt nicht, dass er wahrscheinlich tausendmal in zukünftigen Geburten im Gegenzug getötet wird.
  • Unmoralische Handlungen wie Töten, Stehlen, usw. sind verantwortlich für die schlimmsten Leiden; das sind die schlimmsten Formen von Sankhara .

4. Auf der anderen Seite des Spektrums von Sankhara sind die unfruchtbaren Taten, die zu geringerem Leid in Form von Sankhara Dukkha in diesem Leben führen. Wenn wir uns an Dinge/Personen über starke positive Gefühle oder starke Abneigung binden, kann das in diesem Leben zu psychischen Leiden führen.

  • Jedoch können solche unfruchtbaren Taten auch zu schlechten Gewohnheiten führen, die zu größeren Problemen mit der Zeit anwachsen. Jemand, der aus Gewohnheit mit Gier oder Hass handelt, neigt dazu diese Gewohnheit zu stärken und schließlich unmoralisch zu handeln. Dieser Prozess geschieht via Paticca Samuppada.
  • Natürlich sind die Folgen propotional zur Schwere der Tat, d.h. grob unmoralische Taten generieren schweres und ähnliches Kamma. Dann gibt es „unfruchtbare Handlungen“, die vergleichsweise kleine Formen des Leidens in der nahen Zukunft hervorrufen. Jedoch können sie sich auch zu größeren Effekten addieren.
  • Man muss über die fünf Gebote hinausdenken, um den Ursprung von Sankhara Dukkha zu verstehen

Es ist jetzt klar, dass Sankhara besser als „unmoralische/unfruchtbare Taten, Reden und Gedanken“ übersetzt werden als der übliche Begriff „mentale Formationen“. In der Tat sind Sankhara wirklich alle mental; kāya und vaci  Sankhara sind Gedanken, die zu Handlungen und Sprache führen.

5. Lassen Sie uns nun den anderen fehlerhaften Aspekt der Übersetzung von avijja paccayā sankhara besprechen: „Unwissenheit führt zu geistigen Formationen“. Für weitere Einzelheiten siehe Was bedeutet Paccaya in Paticca Samuppada?

  • Ignoranz (avijja) ist nicht die ganze Zeit anwesend. Selbst die schlimmsten Verbrecher begehen nicht nur unmoralische Taten. Aber wenn es getan wird, wird es mit Ignoranz (oder Unwissenheit) als Hauptursache getan.
  • Es gilt für uns alle: Je mehr wir Dhamma lernen, desto mehr werden wir von Ignoranz befreit und denken/tun immer weniger unmoralische oder unfruchtbare Dinge, d.h. jede Art von Sankhara.

6. Ein eng verwandtes Problem ist die Frage nach der Kontrolle über Sankhara. Es gibt drei Arten von Sankhara: Kāya Sankhara (die zu physischen Handlungen führen), Váci Sankhara (die zum Sprechen führen) und Mano Sankhara (nur mit Gedanken getan).

  • Wenn wir richtig von falsch unterscheiden können, sind die meisten physischen Handlungen und Sprache unter Kontrolle. Wir könnten etwas Schlechtes sagen wollen, stoppen jedoch mitten im Satz.
  • Abhängig vom emotionalen Zustand des Geistes, kann es z.T. nicht möglich sein, unsere Handlungen unter extremen Stresssituationen zu kontrollieren. Menschen können in großer Wut sogar töten.
  • Wir kennen auch „moralische Menschen“, die sich bei entsprechendem Anreiz unmoralisch verhalten. Das ist die Gefahr, wenn man nicht frei von Geburten in den unteren vier Reichen ist, d.h. mindestens Sotapanna.

7. Die dritte Kategorie, Mano Sankhara, ist auch schwer durch den bloßen Willen zu kontrollieren. Wir alle erinnern uns an Situationen, in denen es uns kaum möglich war, gierige oder hasserfüllte Gedanken zu kontrollieren. Unser Geist bekommt etwas Gedankenfutter und schon rennt er los und generiert ein Feuerwerk an Sinnesfreuden oder eben Hass. Man muss wirklich bewusst solche Gedanken stoppen und über die Folgen nachdenken.

  • Sankhara aus „Impuls“ oder „Versuchung“ getan, kann nur verringert und schließlich gestoppt werden, indem man Gewohnheiten (gathi) und  Verlangen (àsâvas) ändert.
  • Und das geschieht durch das Erkennen der Unfruchtbarkeit jeglicher Art von Sankhara. Dies ist stark an das Verständnis der drei Merkmale gekoppelt.

8. Somit ist der Schlüssel die Änderung der schlechten Gewohnheiten im Laufe der Zeit. Dann stoppen nach und nach auch solche Mano Sankhara.

  • Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber ein großer Teil dieser Veränderung von Gewohnheiten und Verlangen kommt vom Verstehen der drei Merkmale dieser Welt. Wenn man realisiert, dass es keinen Sinn macht, andere zu verletzen (einschließlich Tiere) um Sinnesvergnügen zu erleben, so macht das einen großen Unterschied für die Sichtweise einer Person.
  • Im Gegensatz zum Glauben vieler Menschen ist ein „gutes, friedvolles Leben“ eben kein mit Sinnesfreuden gefülltes Leben. Ein extravagantes Leben kann schließlich belastend werden, schon allein deshalb, weil unser Körper die Fähigkeit zum Erleben von Sinnesfreuden mit dem Alter verliert. Diese Erkenntnis selbst führt zur „Abkühlung“ des Geistes.

9. Alle drei Arten von Leiden entstehen durch Sankhara, die von sehr unmoralischen bis zu scheinbar unschuldigen unfruchtbaren Handlungen reichen. Alle Sankhara entstehen aus Avijja.

  • Aus diesem Grund ist avijja paccayā sankhara der erste Schritt im Paticca Samuppada Zyklus, der mit allen Arten von Leiden endet: „jarā, marana, sōka, paridēva, dukkha, ….“

Hier haben wir besprochen, wie Unwissenheit die Sankhara entstehen lässt. Im nächsten Artikel werden wir sehen, wie Sankhara zu Viññāna (oder verunreinigtes Bewusstsein) führt.

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