Sakkāya Ditthi – tiefere falsche Sichtweisen loswerden

Einführung – zwei Arten falscher Sichtweisen

1. In der Mahā Cattārisaka Sutta (Diskurs über die Großen Vierzig) erklärte der Buddha, dass es zwei achtfache Pfade gibt. Daher gibt es zwei Arten von Sammā Ditthi, die durch das Entfernen von zwei Arten von Miccā Ditthi erreicht werden.

  • Zuerst muss man dem weltlichen achtfachen Pfad folgen und die 10 Miccā Ditthi loswerden. Das ist Grundvoraussetzung für das Verständnis der größeren Welt mit 31 Reichen. Dazu muss man Kamma/Kamma Vipāka, den Wiedergeburtsprozess, Paralōka, Gandhabba usw. auf einem Basisniveau erfassen.
  • Dann erst können tiefere falsche Sichtweisen über nicca, sukha, atta beseitigt werden und die wahre Natur dieser Welt wird sichtbar. Wenn das passiert, wird man zum Sōtapanna Anugāmi und startet auf dem edlen achtfachen Pfad.

2. Die Entfernung von Sakkāya Ditthi ist die Grundlage für den Start auf dem edlen Pfad. Es geht wirklich darum, eine neue Sicht auf die wahre Natur dieser Welt mit 31 Reichen zu bekommen.

  • Dies wird erreicht, indem die tieferen falschen Sichtweisen über die wahre Natur dieser Welt beseitigt werden (nicca, sukha, atta).
  • Hier betrachten wir 20 Arten von Sakkāya Ditthi: 5 Arten falscher Sichtweisen zu den fünf Aggregaten basierend auf Ucchēda Ditthi, und 15 Arten falscher Sichtweisen zu den fünf Aggregaten basierend auf Sāssata Ditthi.

3. Im vorherigen Text Sakkāya Ditthi und Tilakkhana haben wir Sakkāya besprochen und wie Sakkāya Ditthi mit dem Verlangen (Upādāna) nach dem eigenen Körper und anderen materiellen Dingen (Rupakkhandha) sowie den geistigen Bestandteilen (die restlichen Kandha) zusammenhängt.

  • Das Wort Sakkāya kommt von sath + kāya, was sich auf Sakkāya reimt. Sath bedeutet „gut“ und kāya bedeutet „Ansammlung“ oder „Aggregat“ (es kann auch „physischer Körper“ bedeuten, der auch eine Ansammlung von Teilen ist). Somit bedeutet Sakkāya, dass diese fünf Aggregate (einschließlich des eigenen Körpers) gut und fruchtbar sind.
  • Dieses Verlangen nach den fünf Aggregaten ergibt sich aus den falschen Sichtweisen Ucchēda Ditthi, Sāssata Ditthi oder Sichtweisen mit Kombinationen dieser beiden.

Zwei Haupt-Ditthis (tiefere falsche Ansichten)

4. In der Brahmajāla Sutta (DN 1) werden zwei wichtige Ditthis über die Welt besprochen. Beachten Sie, dass ich meist die Pāli-Version einer Sutta zur Verfügung stelle, da manchmal die allgemein verfügbaren deutschen und englischen Übersetzungen Fehler aufweisen. Normalerweise stelle ich die Pāli-Version bei Sutta Central zur Verfügung. Dort kann man Übersetzungen in diverse Sprachen erhalten.

  • Eine Sichtweise ist Ucchēda Ditthi, die besagt, dass eine „Person“ nur bis zum Tod des physischen Körpers existiert. Eine „Person“ ist nichts anderes als eine Ansammlung physischer Materie (Atome/Moleküle). Wenn die „Person“ stirbt, ist sie endgültig vernichtet.
  • Die zweite Sichtweise ist Sāssata Ditthi – das Gegenteil der ersten. Es ist die Ansicht, dass eine „Person“ einen stabilen „Geistkörper“ hat, der den Tod des physischen Körpers überlebt: In abrahamanischen Religionen (Christentum, Judentum und Islam) wird es „Seele“ genannt, die beim Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle geht und dort für immer bleibt. Im Hinduismus heißt es Atma, was irgendwann mit Mahā Brahma verschmilzt und dort für immer bleibt.
  • In der Brahmajāla Sutta (DN 1) bespricht der Buddha 60 weitere falsche Sichtweisen, aber das sind Variationen der beiden oben genannten. In der Tat können wir sehen, dass die meisten Wissenschaftler Ucchēda Ditthi haben (d.h. der physische Körper ist auch die „Person“), und die meisten religiösen Menschen in abrahamanischen Religionen und im Hinduismus Sāssata Ditthi haben (d.h. die Seele oder Atma lebt für immer stabil).

5. Wenn Ucchēda Ditthi die tatsächliche Realität der Welt ist, endet das Leiden mit dem Tod des physischen Körpers. Deshalb kann man versucht sein, „weltliche Freuden zu genießen“, ohne schlechte Folgen aus unmoralischen Handlungen zu fürchten.

  • Wenn Sāssata Ditthi die tatsächliche Realität dieser Welt ist, wird das Leiden niemals enden, weil es eine „unveränderliche Essenz“ gibt, die den Tod des Körpers jederzeit überlebt. Obwohl hier angenommen wird, dass es ein leidloses, freudiges Himmelsreich gibt bzw. dass man mit dem Schöpfergott eins wird, sagte der Buddha, dass es eine solche Existenz nicht gibt. Jede Existenz ist mit Leid erfüllt, denn Materie/Energie (Rupa) ist instabil. Jede Existenz mit auch nur einer Spur von Materie ist von Natur aus instabil. Die moderne Wissenschaft hat diese Tatsache bestätigt. Siehe Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist Teil von Anicca!.
  • In Buddha Dhamma gibt es eine Entität (die Gandhabba: fast nur „geistig“, mit nur wenigen Suddhashtaka), die den Tod des physischen Körpers überlebt. Diese Gandhabba kann jedoch daran gehindert werden, den Tod des physischen Körpers zu überleben. Das passiert, wenn ein Arahant stirbt.
  • Buddha Dhamma besagt, dass ein Lebewesen (Manomaja Kaya bzw. Gandhabba) aufgrund von sechs Ursachen entsteht, aber alle sechs werden durch die Beseitigung von drei Ursachen entfernt (Lōbha, Dōsa, Mōha). Bis diese Ursachen beseitigt sind, gibt es Existenz, wobei die meisten Existenzen viel Leiden einbringen. Siehe Sechs Grundursachen – Loka Samudaya (Entstehen des Leidens) und Loka Nirodhaya (Nibbāna) und Die große vereinheitlichte Theorie.

6. Daher steht Buddha Dhamma zwischen diesen beiden Extremen von Ucchēda Ditthi und Sāssata Ditthi.

  • Es gibt einen geistigen Körper mit einer Spur von Materie (Gandhabba), der den Tod des physischen Körpers überlebt, aber dieser geistige Körper verändert sich ständig gemäß Paticca Samuppāda.
  • Daher gibt es kein ewiges „Selbst“ oder ein Atma oder ein Atta. Die Ablehnung eines immerwährenden Atta bezeichnet man als anattā (na + attā). Das ist eine Bedeutung von anatta: siehe Anattalakkhana Sutta (SN22.59).
  • Da der Tod des physischen Körpers nicht das Ende des Leidens ist, wird man im Wiedergeburtsprozess langfristig hilflos. Geburten in den vier unteren Reichen sind unvermeidbar (Apāyā). Das ist eine andere Bedeutung von anatta (na + atta):  „ohne Zuflucht“ oder „hilflos“. Siehe Anatta – keine Zuflucht in dieser Welt.
  • Wenn man die Weltsicht des Buddha versteht, entfernt man Sakkāya Ditthi (zusammen mit Vicikicca und Silabbata Parāmāsa) und wird zum Sōtapanna.

Zwei Haupt-Charakter (Carita)

7. Eine interessante Analyse von Sakkāya Ditthi in Bezug auf die Charaktereigenschaften (Carita) findet sich im Nayasamuṭṭhāna des Nettippakarana (ein Kommentar im Tipitaka). Es enthält eine Definition der vier edlen Wahrheiten in Bezug auf Sakkāya: “Tattha diṭṭhicaritā rūpaṃ attato upagacchanti. Vedanaṃ … pe … saññaṃ … saṅkhāre … viññāṇaṃ attato upagacchanti. Taṇhācaritā rūpavantaṃ attānaṃ upagacchanti. Attani vā rūpaṃ, rūpasmiṃ vā attānaṃ, vedanāvantaṃ … pe … saññāvantaṃ … saṅkhāravantaṃ … viññāṇavantaṃ attānaṃ upagacchanti, attani vā viññāṇaṃ, viññāṇasmiṃ vā attānaṃ, ayaṃ vuccati vīsativatthukā sakkāyadiṭṭhi“.

Übersetzt: „Eine Person, deren Unwissenheit auf falsche Sichtweisen (Diṭṭhicaritā) gerichtet ist, nimmt wahr, ‚ich bin mein Körper‘, ‚ich bin mein Vēdanā‘, ‚ich bin mein Saññā‘, ‚ich bin mein Sankhāra‘ und ‚ich bin mein Viññāna‘. Eine Person, deren Unwissenheit sich darauf konzentriert, nach Sinnesfreuden zu verlangen (Taṇhācaritā), nimmt wahr, ‚mein Körper bin ich‘, ‚mein Körper ist in mir‘, ‚ich bin in meinem Körper‘. Sie nimmt Vedanā, ..Sañña, .. Saṅkhāra, .. Viññāṇa auf gleiche Weise wahr  – das sind zusammen 20 Arten von Sakkāya Diṭṭhi.

  • Somit gibt es 5 Arten von Sakkāya Diṭṭhi aufgrund von Ucchēda Ditthi und 15 Arten von Sakkāya Diṭṭhi aufgrund von Sāssata Ditthi.

8. Aus demselben Abschnitt des Nayasamuṭṭhāna haben wir zwei Definitionen für Ucchēda Ditthi und Sāssata Ditthi.

Tattha ye rūpaṃ attato upagacchanti. Vedanaṃ … pe … saññaṃ … saṅkhāre … viññāṇaṃ attato upagacchanti. Ime vuccanti ucchedavādino”ti.”

Ye rūpavantaṃ attānaṃ upagacchanti. Attani vā rūpaṃ, rūpasmiṃ vā attānaṃ. Ye vedanāvantaṃ … pe … ye saññāvantaṃ … ye saṅkhāravantaṃ … ye viññāṇavantaṃ attānaṃ upagacchanti, attani vā viññāṇaṃ, viññāṇasmiṃ vā attānaṃ. Ime vuccanti “sassatavādino”ti, tattha ucche­da­sassa­ta­vādā ubho antā, ayaṃ saṃsārapavatti.

Übersetzt: „Einer mit Ucchēda Ditthi (ucchedavādino) nimmt wahr, ‚ich bin mein Körper‘, ‚ich bin mein Vēdanā‘, ‚ich bin mein Saññā‘, ‚ich bin mein Sankhāra‘ und ich bin mein Viññāna‘.

„Einer mit Sāssata Ditthi (sassatavādino) nimmt wahr, ‚mein Körper bin ich‘, ‚mein Körper ist in mir‘, ‚ich bin in meinem Körper‘. Er nimmt Vedanā..Sañña, .. Saṅkhāra, .. Viññāṇa in gleicher Weise wahr. Mit solch extremen Ansichten ist man an den Kreislauf der Wiedergeburten (Saṃsāra) gebunden.

9. Zusammen mit Nr. 7 oben werden also Nicht-Ariyas (Puthujjano oder Weltlinge) in zwei Kategorien eingeteilt: (1) Ditthicarita bzw. Personen dominiert von der falschen Sichtweise Ucchēda Ditthi, (2) Tanhacarita bzw. Personen dominiert von der falschen Sichtweise Sāssata Ditthi. Kurz gesagt: Ditthicarita haben Ucchēda Ditthi, Taṇhācaritā haben Sāssata Ditthi.

  • Der letzte Teil besagt, dass die 20 Arten von Sakkāya Ditthi Kombinationen von Ucchēda und Sāssata Ditthi sind. Damit sind alle anderen 60 Ditthis bzw. falschen Sichtweisen über diese Welt in den 20 Arten von Sakkāya Ditthi enthalten.

Sōtapanna – Eine neue Weltanschauung

10. Nun schauen wir noch auf den blauen Teil oben in Nr. 8, der einen weiteren Hinweis enthält: „..tattha ucche­da­sassa­ta­vādā ubho antā, ayaṃ saṃsārapavatti.“

  • Hier ergibt sich ucchedasassatavādā aus der Verbindung von ucchēda + sāssata +  vādā, d.h. Ucchēda Vādā und Sāssata Vādā, mit vāda = „Argument“ oder „Theorie“ oder in diesem Fall „Sichtweise“. Dies sind die beiden extremen Sichtweisen.
  • Dann heißt es: „ayaṃ saṃsārapavatti„. Es bedeutet, dass diese beiden extremen Sichtweisen zur Fortsetzung des Wiedergeburtsprozesses führen (saṃsāra + pavatti, mit pavatti =„fortfahren“ oder „aufrechterhalten“).
  • Das macht durchaus Sinn. Man entfernt Sakkāya Ditthi (und gelangt zur korrekten Weltanschauung), indem man die beiden wichtigsten falschen Sichtweisen über diese Welt mit 31 Reichen sowie alle Kombinationen davon beseitigt.

11. Wenn ein Lebewesen beim Tod des physischen Körpers nicht aufhört zu existieren (Ucchēda Ditthi also falsch ist) UND wenn es auch keine dauerhafte Essenz eines Wesens gibt (Sāssata Ditthi also falsch ist), wie lässt sich das dann erklären?

  • Die Fortsetzung eines Lebensstroms beim Tod des physischen Körpers, aber auch sonst Moment für Moment, wird durch das Prinzip Ursache-Wirkung erklärt (Paticca Samuppāda).
  • Ein Sōtapanna erfasst diese Tatsache und stellt fest, dass es nichts gibt, was als „mein“ bezeichnet werden kann, weil es in Wirklichkeit absolut nichts gibt, das in der Kontrolle eines „Selbst“ liegt. Siehe Anattā in der Anattalakkahana Sutta.
  • Solange man das nicht begreift, wird man irgendwann in der Zukunft hilflos, besonders wenn man in den Apāya wiedergeboren wird. Siehe Anatta – keine Zuflucht in dieser Welt.
  • Deshalb muss man Sakkāya Ditthi loswerden, um jede Spur von Ucchēda Ditthi bzw. Sāssata Ditthi zu entfernen.
  • Dies ist erst möglich, wenn man die 10 Micchā Ditthi beseitigt und ein grundlegendes Verständnis der größeren Welt mit 31 Reichen erlangt, inkl. dem Kamma-Gesetz, der Existenz von Paralōka mit Gandhabba und natürlich der Gültigkeit des Wiedergeburtsprozesses.

12. Dies ist jedoch nur das Auslöschen von Ditthi Vipallāsa (verwirrte oder verzerrte Sichtweise). Es gibt zwei weitere Vipallasa, die entfernt werden müssen (Sanna Vipallāsa und Citta Vipallāsa oder „verzerrte Wahrnehmung und Gedanken“). Dies geschieht auf höheren Stufen von Nibbāna und ist erst auf der Arahant-Sufe komplett.

 

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