Anattā (weltliche Interpretation) – SN44.10 Ānandasutta

1. Heutzutage übersetzen die meisten Menschen das Pāli-Wort “anatta” einfach als “Nicht-Selbst” oder “ohne Ich”. Wenn man jedoch einige Stellen im Tipitaka mit dem Wort anatta betrachtet, kann man erkennen, dass es je nach Kontext interpretiert werden muss.

  • Die Wörter attha, atta, attā haben je nach Kontext verschiedene Bedeutungen.

2. Obwohl die Ananadasutta (SN 44.10) eine recht tiefgehende Sutta ist, so bietet sie trotzdem eine gute Grundlage für eine Diskussion über Anatta. Genau wie heutzutage fragten sich schon in der Zeit des Buddha viele Menschen, ob es ein „Selbst“ oder eine „Seele“ (attā) gibt. Dies ist die weltliche Bedeutung von atta.

  • Vacchagotta kommt zum Buddha und fragt: „kiṃ nu kho, bho gotama, atthattā”ti?“ bzw. „Meister Gotama, ist es richtig zu sagen, dass es ein ‘Selbst’ gibt?“.
  • Atthattā ist attha+attā, mit attha = „Wahrheit“ und attā = „Selbst“. Mit „atthattā“ meint Vacchagotta also: „…richtig zu sagen, dass ein attā existiert“.

3. Der Buddha blieb stumm und Vacchagotta stellte die Frage erneut in negierter Form. Beim zweiten Mal fragte er: „Kiṃ pana, bho gotama, natthattā”ti?“ bzw. „Meister Gotama, ist es nicht richtig zu sagen, dass es ein “Selbst” gibt?“. Vacchagotta sah, dass sich der Buddha weigerte zu antworten. Daher stand er auf und ging.

  • Beachten Sie, dass „natthattā“ aus drei Wörtern besteht: na+attha+attā, was atthattā negiert.

4. Als Vacchagotta gegangen war, fragte Ānanda den Buddha, warum er nicht geantwortet hat.

  • Der Buddha erklärte, wenn er bejaht hätte (d.h. es gibt ein “Selbst”), würde er mit denjenigen übereinstimmen, die die falsche Ansicht haben, dass ein solches “Selbst” existiert. Diese Ansicht wird Sassatavāda genannt, bzw. die Ansicht, dass es eine „immer währende Entität“ gibt (heutzutage allgemein „Seele“ genannt).
  • Wenn der Buddha verneint hätte (d.h. es gibt kein “Selbst”), würde er mit denjenigen übereinstimmen, die die falsche Ansicht haben, dass ein solches “Selbst” nicht existiert. Dies wird Ucchedavāda genannt, bzw. die Ansicht, dass der Tod des Körpers das “Ende einer Person” ist, d.h. keine Wiedergeburt.
  • Der Buddha lehnte beide Sichtweisen ab, „Selbst“ (sassatavāda) und „Nicht-Selbst“ (ucchedavāda). Das zeigt diese Sutta.

5. Schon aus diesem Vers wird klar, wenn man anatta als „Nicht-Selbst“ betrachtet, dann folgt man der falschen Sichtweise von einigen Brahmanen zu Zeiten des Buddha (ucchedavāda).

  • Überraschenderweise übersetzt Sutta Central diesen Teil von Nr. 4 oben genau wie ich. Siehe Ānanda Sutta (SN 44.10). Direkt aus dieser Übersetzung zitiert (Hecker 1993):
    „Hätte ich, Anando, auf die Frage des Pilgers Vacchagatto, ob es ein Selbst gibt, geantwortet: ‚Es gibt ein Selbst.‘ so wäre ich den Asketen und Brahmanen gefolgt, die Ewigkeit behaupten. Hätte ich aber, Anando, auf die Frage des Pilgers Vacchagotto, ob es kein Selbst gibt, geantwortet: ‚Es gibt kein Selbst.‘ dann wäre ich den Asketen und Brahmanen gefolgt, die Vernichtung behaupten.”
  • Die Übersetzung des Verses ist also inhaltlich gleich. Aber die folgenden Sätze der Übersetzung von Sutta Central verwenden für den Satz “sabbe dhammā anattâ” die gleiche Bedeutung von “nicht Selbst” und das gerät in Widerspruch zum vorher gesagten. Man ist bestenfalls verwirrt.

6. Dann sagte der Buddha zu Ananda, dass jede Diskussion zu diesem Thema den Pilger Vacchagotta verwirren würde und er die Anatta-Natur nicht verstehen kann: “Ahañcānanda, vacchagottassa paribbājakassa ‘atthattā’ti puṭṭho samāno ‘atthattā’ti byākareyyaṃ, api nu me taṃ, ānanda, anulomaṃ abhavissa ñāṇassa uppādāya: ‘sabbe dhammā anattā’”ti?”. “No hetaṃ, bhante”.

  • Das ist tatsächlich die Verwirrung vieler Menschen heute. Sie setzen die “Anatta-Natur” in “sabbe dhammā anattā” mit der “nicht-Selbst”-Definition von “anattā” gleich.
  • Sabbe dhammā anattā” muss übersetzt werden als “alle Dhammā haben die Anatta-Natur”, d.h. sind “ohne Essenz” und man ist anattā bzw. “ohne Zuflucht”, wenn man die Anatta-Natur nicht versteht.

7. Aber in der Übersetzung von Sutta Central wird die gleiche weltliche Bedeutung (“kein Selbst”) für anatta im Satz “sabbe dhammā anattā” verwendet.

  • Der Vers in Nr. 6 wird von Sutta Central so übersetzt (Hecker 1993): „Hätte ich, Anando, auf die Frage des Pilgers Vacchagotto, ob es ein Selbst gibt, geantwortet: ‚Es gibt ein Selbst‘ würde das der Erkenntnis entsprechen: ‚Alle Dinge sind ohne Selbst‘?“
  • Vor allem macht die Aussage „Alle Dinge sind ohne Selbst“ schon keinen Sinn. Dhammā kann kein „Selbst“ haben. Eine korrekte Übersetzung wäre etwa so: “Alle Dinge/Phänomene haben keine wirkliche Essenz/Wert/Substanz und man hat keine Zuflucht darin”.
  • Außerdem steht die Übersetzung von Sutta Central  (‚Alle Dinge sind ohne Selbst‘) im Widerspruch zum Vers in Nr. 4 oben, wo gezeigt wurde, dass sowohl „Selbst“ als auch „Nicht-Selbst“ vom Buddha abgelehnt wurden.

8. Das ist die Gefahr, wenn Suttas Wort für Wort übersetzt werden, ohne die wirkliche Bedeutung der Pāli-Wörter zu erfassen und ohne zu verstehen, dass Bedeutungen vom ​​Kontext abhängen.

  • Vacchagotta war noch nicht so weit, dass er das Dhamma des Buddha in dieser Tiefe erfassen konnte. Er konnte diese Unterscheidung jedoch später nachvollziehen und wurde zum Bhikkhu und dann zum Arahant.

9. Ein Lebewesen kann in einem der 31 Reiche geboren werden (tatsächlich sind aber einige Reiche nur für Anāgāmi reserviert). Siehe 31 Reiche verbunden mit der Erde.

  • Ein Mensch kann später als Deva, Brahma, Tier oder Preta geboren werden. Würde ein Hund das gleiche „Selbst“ haben wie ein Mensch? Es ist also klar, dass es kein „unveränderliches Ich“ gibt.

10. Andererseits wird ein Mensch im nächsten Leben nicht einfach zum Deva oder Brahma, ohne dass Ursachen vorliegen. Es ist kein zufälliger Prozess.

  • Es gibt eine Fortsetzung des Lebensstroms von einem Leben zum anderen. Die Verbindung besteht aus Gati und Kamma-Samen, die in früheren Leben angesammelt wurden.
  • Es ist nicht richtig zu sagen, dass es „kein Selbst“ gibt. Es gibt Persönlichkeitsmerkmale, die von Leben zu Leben fließen. Das wird in Paticca Samuppāda (PS) erklärt. PS-Zyklen beginnen mit avijjā paccayā sankhāra und durchlaufen bhava paccayā jāti. Avijjā (Unwissenheit/Ignoranz) führt also zu zukünftigen Geburten (jāti).

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