Pāramitā und Niyata Vivarana

1. In Pāli ergeben sich Bedeutungen durch richtige Aussprache. Es hat seine eigenen Regeln, insbesondere bei der Kombination von Wörtern. Deshalb kommt man manchmal in Schwierigkeiten, wenn man versucht, Grammatikregeln auf Pāli anzuwenden.

  • Glücklicherweise haben die meisten Pāli-Wörter verwandte singhalesische Wörter, so dass jemand mit guten Sinhala-Kenntnissen und den Grundlagen von Buddha Dhamma viele Pāli-Begriffe verstehen kann. Das nennt man pada nirukthi bzw. Klärung durch Verwendung von Schlüsselbegriffen und Lauten. Aber es bedarf eines besonderen Wissens bzw. patisambidhā ñāna eines Jāti Sōtapanna, um die Bedeutung von Schlüsselwörtern wie anicca, dukkha, anatta ohne fremde Hilfe zu erfassen.
  • Das Wort pāramitā kommt von „pireema“ bzw. „erfüllen“. Es gibt bestimmte Bedingungen, die erfüllt werden müssen, während man seinen Geist reinigt, um ein Buddha zu werden. Die 80 großen Schüler (mahā sāvaka) des Buddha müssen weniger strenge Bedingungen erfüllen.
  • Für das Erreichen von Magga Phala gibt es keine festgelegten Anforderungen (zumindest habe ich sie nicht gesehen). Aber auch das erfordert die Reinigung des Geistes über mehrere Leben hinweg. Kein Ziel kann ohne Anstrengung erreicht werden. Selbst wenn man in der Lotterie gewinnt, gibt es einen Grund (ein gutes Kamma Vipāka aus früheren Leben). Siehe Unterschied zwischen Wunsch und Entschlossenheit (Pāramitā).

2. Der obige Absatz kann den Eindruck erwecken, dass man „weiß“, dass man Pāramitā erfüllt, um ein Buddha oder ein großer Schüler zu werden. Dem ist nicht so. Erst wenn ein Bodhisatta eine bestimmte Stufe erreicht, wird er vom jeweiligen Buddha informiert:

  • Zuerst erhält der Bodhisatta aniyata vivarana, d.h. er bekommt von einem Buddha gesagt, dass er wahrscheinlich in der Zukunft ein Buddha werden wird, weil er durch sein moralisches Gati und sein Streben nach Wahrheitsfindung in früheren Leben „Buddha Gati“ erworben hat.
  • Wenn ein Bodhisatta mit der Zeit mehr Buddha Gati erwirbt und festigt, kann ein späterer Buddha niyata vivarana geben, d.h. er wird definitiv ein Buddha (niyata = unerschütterlich/unveränderlich/festgelegt).

3. Auf den ersten Blick scheint niyata vivarana zu besagen, dass die Zukunft deterministisch sei. Aber meist ist die Zukunft nicht deterministisch. Man kann sie durch entschlossene Bemühungen drastisch ändern.

  • Der Schlüssel liegt in der Veränderung der eigenen Gati. Es ist vergleichsweise einfach, neu erworbene Gati zu entfernen oder zu ändern. Je länger man aber die Gati auslebt, desto tiefer verankern sie sich. Man erhält niyata vivarana, wenn die Buddha Gati unerschütterlich sind.
  • Das steht im Zusammenhang mit der Tatsache, dass auch Magga Phala in zukünftigen Wiedergeburten nicht wieder entfernt wird.

4. Ein einfaches Beispiel: Ein Kind, was Addieren nur auswendig gelernt hat, mag in der Lage sein, die richtige Antwort zu geben, wenn bestimmte Additionen abgefragt werden. Aber ein Kind, was das Konzept der Addition begriffen hat, kann beliebige Zahlen addieren. Diese „Wissensbasis“ kann ihm nicht genommen werden.

  • Das ist analog zum Erreichen der Sōtapanna-Stufe. Wenn man die Tatsache begreift, dass nichts in den 31 Reichen auf Dauer zur eigenen Zufriedenheit aufrechterhalten werden kann, wird sich diese „Basis des Verstehens“ nicht mehr ändern, auch nicht in zukünftigen Leben.
  • Mit dieser Ebene des Verstehens braucht man nicht bewusst zu denken, um drastische unmoralische Taten zu vermeiden. Solche unmoralischen Gedanken kommen einem Sōtapanna nicht in den Sinn.

5. Ein anderes Beispiel aus dem Tipiṭaka. Es gab einmal einen Krieg. Die Bhikkhus fragten den ehrwürdigen Sariputta, welche Seite gewinnen würde, und Sariputta nannte die Seite, die gewinnen würde.

  • Aber als der Krieg Monate später ausgetragen wurde, gewann die andere Seite. Die Bhikkhus waren verblüfft, wie kann eine Vorhersage von Sariputta falsch sein? Sie gingen und fragten den Buddha. Dieser antwortete, dass Sariputtas Vorhersage aufgrund der damaligen Umstände korrekt war. Aber als unvorhersehbare Faktoren ins Spiel kamen, änderte sich das Ergebnis.

6. Die Welt ist äußerst komplex und es ist oft unmöglich, korrekte Vorhersagen zu treffen. Das hängt mit der anicca-Natur zusammen: Jedes Sankata kann unerwartete Veränderungen erfahren (aññathā bzw. viparināma).

  • Manche Gati und Kamma können so stark werden, dass es praktisch unmöglich wird, das Ergebnis zu ändern. Wenn man zum Beispiel seine Eltern tötet, ist es nicht möglich, Geburt in den Apāyās schon im nächsten Leben zu vermeiden.
  • Andererseits kann der Geist dauerhaft stark unmoralische Taten ablehnen, wenn die Sichtweisen über diese größere Welt zu einem gewissen Grad klar und die Gefahren der Apāyās wirklich erkannt wurden. Dann wird man zum Sōtapanna.
  • Durch die nächsten beiden Stufen (Sakadāgāmi und Anāgāmi) wird der Geist so weit gereinigt, dass man automatisch stoppt, Sinnesfreuden zu genießen und Geburten in Kāmalōka werden blockiert. Auf der Arahant-Stufe stoppt jegliche Wiedergeburt in den 31 Reichen.

7. Für dieses Verstehen muss man das Buddha Dhamma durch eine edle Person bzw. von einem Buddha gelehrt bekommen. Der besondere Aspekt eines Buddhas ist die Fähigkeit, dieses Wissen ohne fremde Hilfe selbst herauszufinden. Der Buddha-Geist ist viel reiner als der eines Arahants.

  • Selbst wenn man die Arahantschaft erlangt, bleiben einige saṃsārische Gewohnheiten bestehen. Das sind keine Verunreinigungen, sondern nur Gewohnheiten in dem Sinne, dass man z.B. etwas auf eine bestimmte Weise tut. Einige solcher Fälle werden im Tipiṭaka erwähnt. Ein Arahant konnte die Angewohnheit, andere Personen in unangemessener Weise anzusprechen, nicht ablegen. Darin lag keine Böswilligkeit. Ein anderer Arahant hatte die Gewohnheit, auf der Straße über Pfützen zu springen.
  • Der Geist eines Buddhas hingegen ist vollkommen. Nicht einmal ein kleines Verhaltensproblem ist feststellbar.

8. Das kann man mit dem Entfernen von Schmutz aus einem Glas Wasser vergleichen. Man kann das Wasser filtern und zuerst die großen Verunreinigungen loswerden. Dann kann man bessere Filter verwenden, um kleinere Partikel zu entfernen. Jetzt gibt es vielleicht keinen sichtbaren Schmutz mehr. Für normale Anwendungen ist das Wasser sauber, was mit der Reinheit eines Arahants vergleichbar ist.

  • Aber es können noch immer feine Schmutzpartikel vorhanden sein, die nur durch eine chemische Analyse zu entdecken wären. Vollkommen reines Wasser entspricht der Reinheit eines Buddha-Geistes.
  • Tatsächlich ist eine andere Bedeutung von pāramitā „pereema“ bzw. „filtern“. Filtern bis zur höchsten Ebene ist die Erfüllung von Pāramitā.

9. Eine Person, die schließlich ein Buddha wird, beginnt vielleicht als Wissenschaftler oder Philosoph in der heutigen Terminologie. Der Weg wird über eine von zwei Optionen begonnen und beide müssen erfüllt werden: kim sacca gavēsi, kim kusala gavēsi bzw. Erforschung von Wahrheit, Erforschung von Moral.

  • Sacca (ausgesprochen „sachcha“) bedeutet „Wahrheit“, kusala ist natürlich „Moral“ bzw. im tieferen Sinne „Unreinheiten entfernen“, und gavēsi ist „jemand, der nachforscht“. Man beginnt mit der Absicht herauszufinden, wie die Natur funktioniert und auch was Moral bzw. Ursprung der Moral ist.
  • Auch heute denken Wissenschaftler und Philosophen über solche Themen nach. Natürlich wird nur ein winziger Bruchteil von ihnen schließlich ein Buddha oder ein großer Schüler eines Buddha.

10. Die Gewohnheit (gati), Wahrheit und Moral zu ergründen, wächst durch aufeinanderfolgende Leben. Die meisten „Anwärter“ kommen aufgrund äußerer Einflüsse und unerwarteter Umstände vom Weg ab. Nur Wenige kultivieren das Gati weiter. Es kann natürlich sein, dass man viele Äonen lang nicht einmal von einem Buddha gehört hat, während man solche Gati unwissentlich kultiviert. Dabei führt einen die Natur auf dem richtigen (oder auch falschen) Weg: „Dhammō ha vē rakkathi dhammacāri„.

  • Übrigens kann man als Mann oder als Frau beginnen, jedoch erlangt nur ein Mann die Buddhaschaft. Dies und andere Dinge, „die nicht geschehen würden“, werden in der Bahudhātuka Sutta (MN 115) erklärt.
  • Im Wiedergeburtsprozess kann man das Geschlecht wechseln. Tatsächlich kann der Geschlechtswechsel sogar während eines Lebens stattfinden (heutzutage als Transgender bezeichnet).
  • Wir alle wurden unzählige Male als Mann oder Frau geboren. Wenn ich mich richtig erinnere, war der Bodhisatta eine Frau, als sie begann, Pāramitā zu kultivieren, um Buddha zu werden. Aber irgendwann (wahrscheinlich nach niyata vivarana) war er in den folgenden Geburten ein Mann.
  • Es gibt einen Unterschied zwischen männlich und weiblich. Das mag heutzutage nicht politisch korrekt sein, aber das ist die Realität. Man ist ein Mann oder eine Frau, weil man das entsprechende Gati kultiviert hat. Egal wie viele Gesetze erlassen werden, das Militär beispielsweise wird immer von Männern dominiert.

11. Im Tipiṭaka heißt es, dass der Aufbaus des guten Charakters (sugati) durch Dāna (Geben), Sila (moralisches Verhalten), Bhāvanā (Meditation) geschieht und in Paññā (Weisheit) gipfelt. Siehe Punna Kamma.

  • Während diese Haupteigenschaften kultiviert werden, kultiviert man gleichzeitig auch andere. Es gibt zehn von ihnen, die Dasa Pāramitā genannt werden. Die anderen sind: Viriya (Anstrengung), Khanti (Geduld), Adhitthāna (Entschlossenheit), Metta (liebende Güte), Nekkhamma (Entsagung), Upekkhā (Gleichmut).
  • Der Prozess wird sehr detailliert analysiert. Zum Beispiel geht jede dieser zehn Stufen in höhere Stufen über: upa pāramitā (mittlere) und paramatta pāramitā (höchste). Wenn man durch aufeinanderfolgende Leben Fortschritte macht, werden die Gati verstärkt und man erreicht diese höheren Stufen.

12. Betrachten wir als Beispiel die Dāna Pāramitā. Hier beginnt man mit weltlichem Geben (dāna), d.h. Geben an Bedürftige, Tiere, Ältere, Yogis, usw.

  • Dann geht man zum Abhaya Dāna über. Hier begreift man die Tatsache, dass das eigene Leben für jedes fühlende Wesen am wertvollsten ist, und tut daher alles, um Leben zu retten. Es hat auch noch eine tiefere Bedeutung: abhaya bedeutet die Angst nehmen“. So wächst gleichzeitig auch Metta Pāramitā. Die meisten Kategorien sind miteinander verbunden und wachsen zusammen.
  • Am höchste steht Dhamma Dāna. Es beginnt damit, dass man anderen moralisches Verhalten beibringt und selbst möglichst vorbildlich lebt. Erst wenn man ein Buddha wird, beginnt man, Buddha-Dhamma zu lehren (den Weg zur Beseitigung von Bhava bzw. bhava udda).

13. Der Welt sind solche Unterweisungen über Dasa Pāramitā über Äonen unbekannt. Es gibt viele Mahā Kappā, in denen kein einziger Buddha geboren wird. Diese Qualitäten wachsen als saṃsārisches Gati, ohne dass man sich dessen bewusst ist.

  • Auch heute können wir sehen, dass sich Menschen, unabhängig von ihren Religionen oder Kulturen, mit solchen Aktivitäten beschäftigen.
  • Daher sollten wir die Menschen respektieren und ehren, die ein vorbildliches Leben führen, unabhängig von Religion oder Kultur oder einer anderen Kategorie. Man ist nur aufgrund seiner Taten „geeignet für Ehrerbietung“.

14. Es ist aufschlussreich zu wissen, warum es in der buddhistischen Literatur besondere Kategorien von fünf Buddhas, sieben Buddhas, 24 Buddhas und 28 Buddhas gibt. Alle diese Buddhas werden im folgenden Wikipedia-Artikel genannt und diskutiert:

Liste der benannten Buddhas (leider nicht in deutsch verfügbar):

  • Nach langem Streben erhielt unser Bodhisatta (der spätere Buddha Gotama) zuerst niyata vivarana von Buddha Dipankara, der 24. Buddha vor Buddha Gotama.  Ein Bodhisatta erhält üblicherweise niyata vivarana von 24 Buddhas, bevor er die Buddhaschaft erlangt. Der letzte Buddha, von dem unser Bodhisatta niyata vivarana erhielt, war Buddha Kassapa.
  • Zuvor erhielt der Bodhisatta aniyata vivarana oder „nicht bestätigt, aber sehr wahrscheinlich“ von drei Buddhas namens Tannankara, Medhankara und Saranankara. Da der Bodhisatta die Anforderungen immer weiter erfüllte, wurden sie zum ersten Mal während der Zeit von Buddha Deepankara vollständig erfüllt.
  • Der besondere Aspekt der sieben Buddhas ist, dass es sich um die jüngsten Buddhas handelt. In diesem Mahā Kappa gab es vier Buddhas (Kakusanda, Koṇāgamana, Kassapa, Gotama) , und davor gab es 30 Mahā Kappā ohne einen einzigen Buddha. In dem Mahā Kappa davor gab es 2 Buddhas (Sikhī und Vessabhū); davor nur einen einzigen Buddha, was aber 91 Mahā Kappa zurück liegt. Es gab also nur 7 Buddhas in den vergangenen 91 Mahā Kappā. Die Chronologie wird in der Mahapadana Sutta (DN 14) gezeigt.
  • Das gegenwärtige Mahā Kappa ist speziell, denn es hat die maximale Anzahl von fünf Buddhas in einem Mahā Kappa. Bisher gab es vier Buddhas und ein weiterer wird erwartet, bevor dieses Äon zu Ende geht (Buddha Maithreya).

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