Führt Unbeständigkeit zu Leiden?

Die folgenden Aussagen werden in Büchern sowohl zum Mahayana als auch im Theravada häufig verwendet:

1. “Wir leiden, weil der Körper unbeständig ist. Er unterliegt Verfall und Tod.”
2. “Wir leiden, weil die Dinge, an die wir uns binden, unbeständig sind.”
3. “Wenn etwas unbeständig ist, führt das zu Leiden.”
4. “Da alles auf dieser Welt unbeständig ist, ist alles Leiden.”

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Unbeständigkeit/Vergänglichkeit und Leiden? Untersuchen wir diese Aussagen.

1. „Wir leiden, weil der Körper unbeständig ist. Er unterliegt Verfall und Tod.“

  • Man selbst leidet, weil der eigene Körper unbeständig ist und Verfall und Tod unterliegt. Aber leiden wir, wenn ein Feind krank wird oder stirbt? Wir leiden, wenn ein geliebter Mensch krank wird oder stirbt, aber viele Menschen sind eher nicht traurig, wenn ein Feind erkrankt oder stirbt.
  • Tatsächlich sind Leiden und Glück direkt proportional zu Bindung und Abneigung, die wir bzgl. einer Person oder Sache haben. Stirbt eine nahestehende Person, wird man mehr leiden, als wenn ein entfernter Verwandter stirbt.

Leiden entsteht aber nur, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es gern hätten. Das bedeutet anicca: die Unfähigkeit, Dinge zu erhalten, die man mag, und Dinge loszuwerden, die man nicht mag.

2. „Wir leiden, weil die Dinge, an die wir uns binden, unbeständig sind.“

  • Es gibt viele Dinge in dieser Welt, die uns Leid einbringen, weil sie nicht im gewünschten Zustand bleiben oder zerstört werden. Das ist wahr. ABER es gibt viele andere „dauerhafte“ Dinge in dieser Welt (zumindest in Bezug zur Lebenszeit eines Menschen), UND trotzdem leiden wir, da wir auch diese Dinge nicht zur eigenen Zufriedenheit erhalten können.
  • Eine goldene Halskette ist nicht unbeständig, d.h. sie hält viele tausend Jahre. Aber der Besitzer kann leiden, wenn seine Halskette verloren geht oder wenn sie verkauft werden muss.

WENN irgendetwas Leiden verursacht, dann deshalb, weil wir es nicht zur EIGENEN Zufriedenheit aufrechterhalten können bzw. so wie wir es wünschen (anicca).

3. „Wenn etwas unbeständig ist, führt das zu Leiden“

Das ist die (falsche) Übersetzung von Buddhas Worten: “yadaniccam tan dukkham“. Aber die korrekte Übersetzung lautet: “Wenn etwas nicht nach Wunsch erhalten werden kann, führt das zu Leiden.” Einige Beispiele:

  • Wenn wir Kopfschmerzen haben und diese nicht dauerhaft sind (d.h. sie verschwinden), verursacht das Leiden? Natürlich nicht. Wenn Kopfschmerzen jedoch dauerhaft sind, wird viel Leiden verursacht.
  • Wenn wir an Krebs erkranken, wäre es dann nicht wünschenswert, wenn der Krebs unbeständig ist, d.h. wenn er verschwindet?

4. „Da alles auf dieser Welt unbeständig ist, ist alles Leiden.“

Der Buddha hat nie gesagt, dass alles auf dieser Welt zu Leiden führt. Wenn alles Leiden wäre, würden alle Menschen versuchen, Nibbana so schnell wie möglich zu erreichen. Es gibt aber Sinnesfreuden auf dieser Welt. Die meisten Menschen verstehen nicht, warum man sich all diese Mühe machen sollte, um die Sinnesfreuden aufzugeben und Nibbana zu suchen.

  • Wenn man die 31 Reiche dieser Welt betrachtet, gibt es tatsächlich Reiche, in denen das Leiden viel geringer ist als im Menschen-Reich.
  • Aber es gibt unvorstellbares Leiden in den unteren vier Reichen UND das sollten wir vermeiden. Obwohl es 31 Reiche gibt, sind die meisten Lebewesen (99,99% +) in den unteren vier Reichen gefangen.
  • Die sansarische Reise ist also mit unvorstellbarem Leid erfüllt. Das kann man jedoch nur sehen, wenn man das wahre Dhamma lernt.
  • Sogar in diesem Leben gibt es viel Leiden, besonders wenn man alt wird und den Tod vor Augen hat. Im Alter schwindet stückweise auch jede Option, Sinnesfreuden zu genießen. Es ist egal, wieviel Geld man hat. Alle Sinnesfähigkeiten schwinden mit zunehmendem Alter. Das ist anicca.
  • Selbst wenn wir in einem höheren Reich wiedergeboren werden, kann das auch nicht aufrechterhalten werden. Eines Tages wird auch das vorbei sein und man wird unweigerlich irgendwann in einem unteren Reich enden. Dann wird es sehr schwer sein, da rauszukommen. Das ist anicca.
  • Wenn die Ursache des Leidens schlicht Unbeständigkeit wäre, könnte man das nicht beseitigen, d.h. Nibbana wäre nicht möglich.

Das Wort icca bedeutet in Pali (oder singhalesisch) “mögen”. Dann bedeutet anicca = “nicht mögen”.

Die korrekte Übersetzung von „yadaniccam tan dukkham“ lautet: „Wenn etwas nicht zur eigenen Zufriedenheit aufrechterhalten werden kann, führt das zu Leiden.“ Sie können jedes Beispiel nehmen und sich davon überzeugen, dass es ein universelles Prinzip ist, d.h. ein unveränderliches Merkmal dieser Welt.

Ohne die drei Eigenschaften dieser Welt zu verstehen, kann man nicht die Botschaft des Buddha erfassen. Diese drei Merkmale anicca, dukkha, anatta sind die wichtigsten Begriffe im Tipitaka, der vor mehr als 2000 Jahren niedergeschrieben wurde (29 v. Chr.).

  • Das Problem begann, als diese Begriffe ins Sanskrit als anitya, dukha, anatma übersetzt wurden. Das begann wahrscheinlich schon im 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus.
  • Dann wurden diese Sanskrit-Wörter ins Englische übersetzt als Vergänglichkeit, Leiden und Nicht-Selbst. Die beiden problematischen Übersetzungen sind Vergänglichkeit und Nicht-Selbst.
  • Diese beiden Sanskrit-Wörter anitya und anatma werden heute in Sri Lanka von vielen als singhalesische Wörter verwendet, und als Übersetzungen der Pali-Wörter anicca und anatta angenommen. Anicca und anatta sind jedoch “alte singhalesische” Wörter mit anderen Bedeutungen als anitya und anatma.

Der Buddha zeigte, wie diese drei Eigenschaften zusammenhängen:

yadaniccam tan dukkham, tan dukkham tadanatta”, bzw.

“Wenn etwas nicht nicca ist, entsteht dukha und dadurch wird man hilflos, d.h. anatta.”

 

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