Citta und Cetasika – Wie Vinnana (Bewusstsein) entsteht

Wenn man Abhidhamma lernt, kann man sehen, warum die Konzepte von „Selbst“ und „Nicht-Selbst“ vom Buddha abgelehnt wurden. Ein „Lebewesen“ ist ein von Moment zu Moment veränderlicher Prozess. Man kann nicht sagen, dass es nicht existiert, weil es offensichtlich vorhanden ist. Nur das Lebewesen verändert sich kontinuierlich entsprechend dem eigenen Gathi. Bis Parinibbana erreicht wird, gibt es ein „dynamisches Selbst“, was eine eigene Identität, Persönlichkeit oder Gathi hat, was sich auch weiter entwickelt.

 

1. Ein Lebewesen erlebt die „Welt da draußen“ in einer Reihe sehr schneller „Schnappschüsse“. So einen Schnappschuss nennt man Citta und sie dauern viel weniger als eine Milliardstel Sekunde. Sobald der Geist diese Momentaufnahme sieht, ist sie auch schon vorbei. Aber der Geist gibt uns ein illusorisches Gefühl einer permanenten „Welt“ durch Kombination dieser Momentaufnahmen mit unseren Erinnerungen aus der Vergangenheit und den Hoffnungen für die Zukunft. Der Geist tut dies mit Hilfe eines Cetasika, genannt Manasikara.

2. Das Wort Citta kommt von Chitra, das Wort für „Gemälde“ in Pali oder Singhalesisch. Ein reines Citta enthält nur 7 universelle Cetasika. Cetasika sind sozusagen die „Farben“ für das „Gemälde“.

  • Die 7 Cetasika, die in jedem Citta enthalten sind, (universelle Cetasika bzw. sabba citta sadharana cetasika) kann man sich als „farblos“ vorstellen. Ein reines Citta ist wie ein leeres Blatt Papier, auf dem diese „Schnappschüsse“ aufgeprägt werden.
  • Es gibt 14 „schlechte Cetasika “ und 25 „gute Cetasika“. Zur Visualisierung denken wir uns die „schlechten Cetasika“ als dunkle Farben (schwarz, braun, etc.) und die „guten Cetasika“ als angenehme Farben wie grün oder gelb. Dann gibt es 6 weitere „Gelegentliche“, die auch „farblos“ sind und zusammen mit guten oder schlechten Cetasika entstehen. Siehe Cetasika (Geistige Faktoren).
  • Cetasika entstehen zusammen mit einem Citta, vergehen mit dem Citta und haben das gleiche Gedankenobjekt (Arammana) wie das Citta. Ein Citta enthält entweder gute ODER schlechte Cetasika, sie tauchen nie gemischt auf.
  • Ein Citta ist von sehr kurzer Dauer, viel weniger als eine Milliardstel Sekunde.

3. Daher können wir uns jeden „Moment des Bewusstseins“ über die Außenwelt als sehr schnellen Schnappschuss vorstellen. Sobald er kommt, ist er auch schon wieder weg.

Wie sieht aber der  Geist die Außenwelt als „kontinuierliche“ Abfolge? Oder wie beurteilen wir eine gegebene Situation als „gut“ oder „schlecht“? Wenn wir z.B. Berge sehen, wissen wir, dass diese seit Tausenden von Jahren existieren. Die Menschen werden alt und faltig, aber sie leben auch viele Jahre relativ gesund. Zwei Personen können die gleiche Sache betrachten und völlig anders dabei empfinden (als „gut“, „schlecht“, „hilfreich“, „sinnlos“ …).

  • Dieser „Trick“ wird von zwei universellen Cetasika bewerkstelligt: Manasikara und Cetana. Eine Aufzeichnung von jedem „Schnappschuss“, der rapide zerfällt, wird in der Geistebene permanent aufbewahrt und diese Aufzeichnungen nennt man Nama Gotta. Siehe Unterschied zwischen Dhamma und Sankhara.
  • In gleicher Weise sind auch unsere Hoffnungen und Visionen für die Zukunft in der Geistebene gespeichert. Aber Nama Gotta sind dauerhaft, während sich die Aufzeichnungen über die Zukunft ständig ändern. Das Manasikara Cetasika bringt Erinnerungen aus der Vergangenheit und Hoffnungen für die Zukunft in das aktuelle Citta ein. Das Cetana Cetasika setzt daraus einen unterbrechungsfreien Blick auf die Welt zusammen, ist also für den Aufbau eines Citta verantwortlich.
  • Weiterhin entstehen in einer Person „gute“ oder „schlechte“ Cetasika aufgrund eines Sinneseindrucks und dem Gathi der Person. Das Cetana Cetasika kombiniert auch diese zu einem „guten“ oder „schlechten“ Vinnana (verunreinigtes Bewusstsein).

4. Grundsätzlich erfolgt der Prozess in gleicher Weise für Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Berühren oder Denken. Nehmen wir als Beispiel das Sehen.

  • Die grundlegende Abfolge beim Erfassen eines beliebigen Sinneseindrucks über die fünf physischen Sinne wird hier beschrieben: Gandhabba (Manomaya Kaya) – Einführung.
  • Wenn wir ein Bild an der Wand betrachten, ändert sich nichts, weil es ein statisches Bild ist. Was passiert aber beim Betrachten eines Springbrunnens? Wind und andere Störungen können kleine Abweichungen bewirken, aber der Springbrunnen wirkt grundsätzlich wie ein fester Gegenstand. Wir sehen eigentlich nur eine Komposition aus Billionen von Wasserteilchen, die jede Sekunde aufsteigen und herunterfallen. Jedoch „sehen“ wir das nicht, sondern nehmen einen scheinbar soliden Gegenstand mit einer bestimmten Form wahr. Hier helfen Manasikara und Cetana Cetasika zusammenzusetzen, was einen Moment zuvor geschah und was jetzt geschieht. Das erzeugt ein mehr oder weniger solides Aussehen.
  • Die kreisförmige schnelle Bewegung eines Lichtpunktes bewirkt ebenso das Sehen eines kontinuierlichen „Lichtrings“. Moment für Moment wird das Licht an einem anderen Ort sein (das Gehirn sendet ein „Datenpaket“ zum Geist, mit der Information über die aktuelle Position), aber wenn wir das Licht schnell genug bewegen, sieht der Geist aufeinanderfolgende Lichtpunkte auf der Kreisbahn und erstellt ein „zusammengesetztes Bild“ in Form eines kontinuierlichen Lichtrings.

5. Ein weiteres Beispiel ist ein Spielfilm. Hier werden viele statische Bilder gemacht und dann schnell genug wiedergegeben. Ist die Wiedergabegeschwindigkeit zu langsam, können wir einzelne Bilder erkennen, aber ab einer gewissen „Projektionsrate“ wirkt es wie echte Bewegung. Hier ist ein Video dazu (engl.):

6. Das Sehen mit den physischen Augen ähnelt dem Spielfilm oben. Am Ende des Videos wird gesagt, dass so ein „Film“ eine Illusion ist. Der Buddha erklärte, das gilt auch für das wirkliche Leben. Im wirklichen Leben sehen wir auch eine Reihe von „statischen Bildern“ oder Citta mit sehr schneller Projektionsrate, was die Illusion eines kontinuierlichen Ablaufs erzeugt.

  • Im obigen Video wird gesagt, dass das Gehirn all die Informationen aus den vorhergehenden statischen Bildern zusammensetzt. Doch das ist nur zum Teil richtig. Das Gehirn stellt die einzelnen Bilder zusammen, aber ohne „Erinnerungen“ kann nicht erkannt werden, was zu sehen ist.
  • Wir sehen nicht nur das Video, sondern wir erkennen auch, was zu sehen ist (z.B. ein bestimmter Schauspieler, inkl. Erinnerung an frühere Filme mit dem selben Schauspieler, ggf. Hintergrundwissen über den Drehort, usw.). All diese Informationen sind nicht für das Gehirn verfügbar. Dieser Punkt braucht etwas Kontemplation.
  • Laut Abhidhamma sendet das Gehirn regelmäßig vom Cortex zusammengestellte Datenpakete zur Hadaya Vatthu, dem Sitz des Geistes. Dort nehmen Citta Vithi die Informationen vom Gehirn an und der Geist verarbeitet diese mithilfe der Manasikara und Cetana Cetasika. Dabei „erleben“ wir den Film.

7. Auch Tiere haben diese Fähigkeit. Eine Ameise sieht auch ihre Umgebung und erkennt sofort die Objekte. Nur ist „die Welt“ der Ameise viel begrenzter als unsere „Welt“. Wie kann eine winzige Ameise all diese Informationen verarbeiten? Sie muss sich in einem sinnvollen Tempo bewegen, Nahrung finden, ihre Umgebung kennen, Gerüche erkennen, mit Artgenossen kommunizieren und zurück zum Bau finden. All diese Informationen stecken nicht in diesem winzigen Körper. Mehr zum Nachdenken!

8. In dem obigen Video wird gezeigt, dass die langsamste Projektionsrate des Gehirns grob 20 Bilder pro Sekunde ist. Dies entspricht etwa 50 Millisekunden für ein Datenpaket. Dies steht im Einklang mit Erkenntnissen des MIT (engl.). Detecting Meaning in Rapid Pictures-Potter-2014.

  • Es deckt sich auch mit Abhidhamma, wobei visuelle Daten erfasst und zur Hadaya Vatthu gesendet werden (via Cakkhu Pasada).
  • Obwohl Abhidhamma nicht erwähnt, wie lange das Gehirn für die Verarbeitung eines „Seh-Ereignisses“ braucht, jedoch wird gesagt, dass diese Informationen vom Gehirn in ein Format geeignet zur Übertragung an die Hadaya Vatthu konvertiert und über ein „Röntgensystem“ extrem schnell gesendet werden. Diese codierte Information wird sicher mit Lichtgeschwindigkeit gesendet und erreicht damit augenblicklich die Hadaya Vatthu (die zum Manomaya Kaya gehört und in der Nähe des Herzens liegt).

9. Natürlich sehen wir nicht nur Dinge, sondern wir hören, riechen, schmecken, berühren und denken scheinbar gleichzeitig.

  • Obwohl die Datenrate beim Erfassen eines Sinneseindrucks durch die Verarbeitung im Gehirn relativ gering ist (offensichtlich im Bereich von Millisekunden), so reicht es doch für das Gefühl von „Gleichzeitigkeit“ des Erlebens aller Sinneseindrücke.

10. Die wissenschaftlichen Studien zur „Mindestdauer eines Sinneseindrucks“ sind noch in einem frühen Stadium und in der Zukunft kann hier vielleicht eine genauere Abfolge genannt werden. Dennoch haben wir genügend Daten für ein qualitatives Bild der Abläufe.

  • Dies ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die Hilfe aus der Wissenschaft zum „Füllen der Lücken“ im Gesamtbild, dass der Buddha zur Verfügung stellte. Natürlich war es ihm unmöglich, die Größenordnung dieser minimalen Zeitskala vor 2500 Jahren zu vermitteln.
  • Als der Buddha im Simpasa-Wald in der Nähe von Kosambi weilte, nahm er ein paar Blätter in die Hand und sagte zu den Bhikkhus, „was ich euch gelehrt habe im Vergleich zu dem, was ich weiß, ist wie diese wenigen Blätter im Vergleich zu den Blättern in diesem Wald; aber es ist mehr als genug, um Nibbana zu erreichen“.
  • Die moderne Wissenschaft kann uns mit Informationen über das „große Bild“ des Buddha versorgen und wir sollten dankbar dafür sein. Totzdem sollten wir die Zeit weise nutzen und und nicht zu sehr auf die Details schauen.

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