Saddharma Pundarika Sutra (Lotus Sutra) – eine Analyse

Unterschied zwischen Sutra und Sutta

1. Diese Sutrā, die von mehreren indischen Philosophen über Hunderte von Jahren geschrieben wurde, führte zur allmählichen Entstehung des Mahāyāna-Buddhismus in diesem Zeitraum. Es wird nicht als Sutta bezeichnet. Suttās sind die ursprünglichen Lehren des Buddha, die in Māghadhi-Sprache vorgetragen wurden. Später wurden sie in Pāli niedergeschrieben und sind im Tipiṭaka verfügbar.

  • Im Gegensatz dazu wurden alle Mahāyāna-Sutrās nach dem Parinibbāna des Buddha geschrieben. Außerdem sind sie ausnahmslos in Sanskrit verfasst.
  • So haben wir zumindest eine klare Möglichkeit, die ursprünglichen Reden des Buddha (suttā) von den Mahāyāna Sutrās zu unterscheiden, die von Laien Hunderte von Jahren nach dem Tod des Buddha geschrieben wurden.
  • Selbst in der Thēravāda-Tradition stellt sich oft die Frage nach der Interpretation von Schlüsselbegriffen. Wie im Tipiṭaka erwähnt, gab es dieses Problem sogar während der Zeit des Buddha.

Authentizität des Buddha Dhamma überprüfen

2. Einmal wandte sich Mahā Prajapathi Gotami Bhikkhuni, die Stiefmutter von Prinz Siddhartha, an den Buddha und wies ihn darauf hin, dass einige Bhikkhus falsche Interpretationen des Dhamma lehren. Sie befürchtete, dass die Dinge nach dem Parinibibāna des Buddha außer Kontrolle geraten würden. „Wie können die zukünftigen Generationen die korrekte Version des Dhamma herausfinden?“, fragte sie den Buddha.

  • Der Buddha stimmte zu, dass es unvermeidlich sei, dass es immer falsche Interpretationen geben wird, aber er sagte, dass es einen Weg gibt, die richtige Version zu erkennen. Er sagte, man solle immer nach der Übereinstimmung mit den vier edlen Wahrheiten suchen, wie sie in den Suttās erklärt werden. Das buddhistische Prinzip von Ursache und Wirkung ist im Paṭicca Samuppāda definiert. Wie man ein moralisches Leben führt, indem man sich von Lōbha/Rāga (Gier), Dōsa (Zorn/Hass), Mōha/Avijjā (Unwissenheit über die vier edlen Wahrheiten) befreit, wird im Vinaya dargelegt.
  • Diese Lehren führen zu rāgakkhaya, dōsakkhaya, mōhakkhaya (entfernen von rāga, dōsa, mōha).
  • Wenn eine Version des Dhamma nicht zu rāgakkhaya, dōsakkhaya, mōhakkhaya führt, dann sollte diese Version verworfen werden. Die Kohärenz innerhalb des Dhamma muss ebenfalls gegeben sein.

Drei Wege zum Erreichen von Nibbāna

3. Zuerst ein wenig Hintergrundmaterial, bevor wir diese Sutrā besprechen. Dem Buddha zufolge gibt es drei Wege, um Nibbāna zu erlangen:

  • Ein Sammā Sambuddha (wie Buddha Gōtama) entdeckt den edlen achtfachen Pfad und erreicht durch seine Bemühungen Nibbāna, UND er kann die Lehre an andere weitergeben.
  • Ein zweiter Weg, Nibbāna zu erlangen, ist, das Dhamma von einem Sammā Sambuddha oder einem wahren Schüler von ihm zu erlernen. Auf diese Weise erreicht ein Arahant Nibbāna. Ein Arahant ist auch ein Sāvaka-Buddha. Man beachte, dass ein Sāvaka Buddha sich von einem Buddha Sāvaka (bzw. Ariya Sāvaka) unterscheidet, der jede edle Person oberhalb der Sotapanna Anugāmi Stufe bezeichnet.
  • Dann gibt es noch Paccēka-Buddhas, die den Pfad selbst entdecken, aber nicht in der Lage sind, andere Menschen zu unterrichten.

Nur ein Fahrzeug zum Nibbāna (das „große Fahrzeug“ bzw. Mahāyāna)?

4. Betrachten wir nun, wie diese Sutrā den Weg für das Bodhisattva-Konzept im Mahāyāna ebnete.

Die Sutrā beginnt damit, dass der Buddha sagt, dass er zwar gelehrt habe, dass es drei Wege zu Nibbāna gibt, aber jetzt gibt er zu, dass es nur einen gibt. Auf die Frage von Ananda nach dem Grund sagt er, er glaube nicht, dass die Menschen für diese höhere Lehre „bereit“ seien. Anstelle von drei Fahrzeugen (oder Pfaden), die man einschlagen kann, gibt es nur ein einziges. Es ist das große Fahrzeug bzw. Mahāyāna (mahā = groß, yāna = Fahrzeug). Und das ist der Pfad, den er beschritt, indem er für Äonen als Bodhisattva danach strebte, ein Buddha zu werden.

  • In Fortsetzung dieser Sutrā riet er (der Buddha) nun jedem, ein Bodhisattva zu werden und die Buddhaschaft zu erlangen (Pali: Bodhisatta, mit bodhi = erleuchtet, satta = Lebewesen). Dann versichert er all den dort anwesenden Arahants, einschließlich Sariputta, dass sie Buddhas werden. Das ist ein völliges Unverständnis für das Konzept eines Arahants. Ein Arahant wird nicht wiedergeboren und daher gibt es für einen Arahant keine Möglichkeit, ein Buddha zu werden.

Die Sutrā beginnt mit einer Lüge (Musāvāda)

5. Es ist erstaunlich zu sehen, dass die Sutrā mit „So habe ich es gehört...“ beginnt, eine große Lüge (musāvāda), dass Ananda die Details der Sutrā liefert.

Zunächst kurz zum Hintergrund. Ananda, der alle Suttās auswendig kannte, rezitierte diese auf dem ersten Buddhistischen Konzil. Daher beginnt jede Sutta im Tipiṭaka mit der Klarstellung: „So habe ich es gehört…„, um zu zeigen, dass Ananda es selbst gehört hatte. Indem die Autoren der Lotus Sutrā versuchten, den Eindruck zu erwecken, dass diese Sutrā ebenfalls vom Buddha überliefert wurde, täuschten sie die Leser.

  • Die Historiker akzeptieren im Allgemeinen, dass die Lotus-Sutrā viel später nach dem Tod des Buddha Gotama geschrieben wurde (Parinibbāna). Das gilt auch für alle anderen in Sanskrit geschriebenen Sutrās.
  • Die ältesten Teile des Textes (Kapitel 1 – 9 und 17) wurden wahrscheinlich zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. geschrieben, und der größte Teil des Textes war um 200 n. Chr. vollständig. Siehe z. B. Wikipedia – Lotus Sutrā. Die Sutrā  wurde also von mehreren Autoren über einen Zeitraum von 100 Jahren oder mehr verfasst. Eine Übersetzung aus dem Sanskrit ins Chinesische wurde im Jahr 255 n. Chr. angefertigt. Dies ist die früheste historische Dokumentation seiner Existenz.

Liest sich wie ein Märchen

6. Die Mitte der Sutrā ist der Beschreibung der „universellen Zugänglichkeit“ der Buddhaschaft für jeden gewidmet. Hier liest sie sich wie ein Märchen mit unglaublichen Geschichten von Errungenschaften. Zum Beispiel verblüfft die Tochter des Drachenkönigs Sagara die Versammlung mit verschiedenen übernatürlichen Taten und sagt, sie könne die Buddhaschaft „in einem Augenblick“ erlangen.

  • Diese Sutrā betont jedoch auch die Bedeutung von Glaube und Hingabe als Mittel zur Verwirklichung der Erleuchtung. Die Notwendigkeit von Weisheit wird weniger betont.

Das Bodhisattva-Gelübde

7. Ein kritisches Problem ist das Bodhisattva-Gelübde, dem ein Mahāyāna-Buddhist im Voraus zustimmt (siehe Wikipedia (engl.) – Bodhisattva-Gelübde). Es ist das Versprechen, zu warten, „bis jeder bereit ist, die Buddhaschaft zu erlangen.“ Es ist nicht klar, wie oder wer bestimmen kann, WANN jeder bereit ist.

  • Die gegenwärtigen wissenschaftlichen Fakten weisen auf die Existenz einer unzähligen Anzahl von Lebewesen hin. Daher ist es fraglich, wie all diese Lebewesen gleichzeitig die Buddhaschaft erlangen könnten.
  • Außerdem scheint es widersprüchlich, dass Buddha Gotama und viele andere frühere Buddhas auf niemanden warteten.

Ein Buddha ist ewig?

8. Die Geschichte wird in Kapitel 16 noch faszinierender (vermutlich, weil ein anderer Schreiber der Sutrā auf eine andere Idee kam). In diesem Kapitel enthüllt Buddha Gotama, dass er ein ewiges Wesen sei. Er hatte die Buddhaschaft vor einer unabsehbaren Zeit in der Vergangenheit erlangt. Auch wenn es scheint, dass er zeitweise ins Nirvāna (Sanskrit für Nibbāna) übergeht, erscheint er regelmäßig in der Welt.

  • Diese Erklärung macht den Buddha eher zu einem Schöpfergott, der immer da war! Und es gibt keine Diskussion über die Frage, ob es einen Anfang dieser Welt gab.
  • Es scheint, dass die Philosophen, welche die Mahāyāna-Sutrās schrieben, keine Ahnung vom Nibbāna-Konzept hatten! Der Definition nach besteht die ganze Idee des Erreichens von Nibbāna darin, sich von dieser leidvollen materiellen Welt zu lösen: siehe u.a. Drei Arten von Glück – Was ist Niramisa Sukha? oder Was sind Rupa? – Beziehung zu Nibbāna.
  • Dann ist da noch das Problem, dass bei dieser Versammlung auch andere Buddhas anwesend sind. Sie scheinen alle „auf der gleichen Ebene“ zu sein. So stellt sich die Frage, wer der erste Buddha war und warum diese anderen Buddhas nicht gewartet haben, bis alle anderen bereit für die Buddhaschaft waren.

Fehlen von Schlüsselbegriffen der Lehre

9. In den meisten Abschnitten der Sutrā wird der Wert des einzigen, großen Fahrzeugs (Mahāyāna) zur Erlangung von Nibbāna überbewertet. Das steht im Gegensatz zu den drei Fahrzeugen Sammā Sambuddha, Pacceka Buddha und Arahant; siehe Nr. 3 oben. Es gibt keine Diskussion über die eigentlichen unterscheidenden Lehrkonzepte des einzigen Fahrzeugs, außer der Feststellung, dass es den Vorteil der „leichten Zugänglichkeit zur Buddhaschaft“ hat. Was unterscheidet diesen „Ein-Fahrzeug“-Ansatz von dem ursprünglichen „Drei-Fahrzeug“-Ansatz in Bezug auf die Details des Dhamma? Hat er zum Beispiel eine neue Art, den edlen Pfad, Paṭicca Samuppāda oder die vier edlen Wahrheiten zu beschreiben?

  • Die Sutrā, wie viele andere Sanskrit-Sutrās, erwähnt diese kritischen Grundbegriffe des Buddha-Dhamma nur am Rande. Sie werden nicht erörtert, geschweige denn, dass ein Unterschied zur ursprünglichen Lehre aufgezeigt wird. Ich bin erstaunt, dass niemand auch nur auf diesen offensichtlichen Punkt hinweist. Was unterscheidet den „Ein-Fahrzeug“-Ansatz von dem ursprünglichen „Drei-Fahrzeug“-Ansatz, außer der Namensänderung?
  • Aber das eigentliche Problem liegt in der Änderung einiger Schlüsselkonzepte. Zum Beispiel die Abschaffung des Arahant-Konzepts und die Tatsache, dass der Buddha zum Schöpfergott wird. Diese Sutrā ebnete den Weg für die Entstellung des Buddha-Dhamma für kommende Generationen.
  • Verdeutlicht diese Sutrā im Hinblick auf die vom Buddha festgelegten notwendigen Bedingungen, wie Gier, Hass und Unwissenheit reduziert werden können? Kann jemand auf solche Aspekte hinweisen? Abgesehen von der Verwendung grandioser Beschreibungen gibt es nichts Substanzielles im Sinne einer Lehre, geschweige denn einer überarbeiteten Lehre. Sie verzerrt aber grundlegende Konzepte wie Nibbāna, Buddhaschaft und Arahantschaft mit dem Ein-Fahrzeug-Konzept.

Zahlreiche Unwahrheiten, Ungereimtheiten und Übertreibungen

10. Es gibt so viele Unwahrheiten, Ungereimtheiten und Übertreibungen in dieser Sutrā, dass man nur die groben Probleme benennen kann.

  • Hier ist eine deutsche Übersetzung der Sutrā: Lotus-Sutra Hoben-Jigage-Uebersetzung. Man muss betonen, dass diese Sutrā im Kontext des tiefgründigen und in sich konsistenten Buddha-Dhamma zu bewerten ist.

11. Wenn jemand auf Probleme mit dieser Analyse hinweisen kann, bin ich gerne bereit, darauf zu antworten (und eventuelle Fehler zu korrigieren). Bitte senden Sie mir einen Kommentar.

  • Diese Analyse steht im Einklang mit dem zentralen Thema dieser Website: Das Aufzeigen von Problemen sowohl mit der Mahāyāna- als auch der Thēravāda-Version, wie sie heute praktiziert werden. Es ist zum Wohle aller, dass wir alle Ungereimtheiten und Unwahrheiten beseitigen (oder uns zumindest dessen bewusst sind). Dann werden die heutigen und zukünftigen Generationen eine Version des Buddha-Dhamma haben, die der ursprünglichen Version nahe kommt.

Referenzen:

“Scripture of the Lotus Blossom of the Fine Dharma (The Lotus sutrā),” übersetzt von Leon Hurvitz (2009).

“The Lotus sutrā,” übersetzt von Burton Watson (1993).

“Saddharma Pundarika or The Lotus of the True Law,” übersetzt von H. Kern (1884). First Dover edition, 1963.

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