Anicca Sanna kultivieren

1. Die Menschen sagen recht schnell: „Ich habe verstanden, was Anicca bedeutet. Und jetzt?“.

  • Diese Aussage bedeutet jedoch nur, dass diese Person noch nicht verstanden hat, was Anicca ist, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich meine das nicht abwertend. Selbst ein Sotapanna hat Anicca nur zu einem gewissen Grad erfasst. Nur um eine gute Idee von Anicca zu bekommen, braucht es eine gewisse Anstrengung und Zeit. Es ist nicht unmöglich, wenn man nur gewillt ist, ernsthaft nachzudenken.
  • Lesen und Lernen über Anicca auf der einen Seite und Anicca Sanna auf der anderen Seite sind zwei verschiedene Dinge. Man muss auch Sanna verstehen, siehe Sanna (Wahrnehmung).
  • Man muss wirklich über die Anicca-Natur mit realen Beispielen aus dem eigenen Leben kontemplieren, um die Anicca Sanna im Geist zu etablieren.

2. Zuerst braucht es einen Buddha, um auf diese grundlegende Wahrheit hinzuweisen, d.h. „dass wir nichts in dieser Welt zu unserer Zufriedenheit erhalten können“. Aber einmal gehört, ist es nicht allzu schwer, die Wahrheit darin zu erfassen, wenn man nur kritisch denkt.

  • Wenn man irgendetwas zur Zufriedenheit aufrechterhalten kann, dann sollte es doch der eigene Körper und Geist sein: „Das ist mein Körper und das sind meine Gedanken“. Daher sollte man mit der Betrachtung über den eigenen Körper und Geist beginnen.

3. Schließen Sie die Augen und versuchen Sie den Geist auf etwas zu richten, z.B. die Ehefrau, den Ehemann, einen Freund, ein Lieblingsrestaurant… irgendetwas. Können Sie die Gedanken auf dem Objekt für eine signifikante Zeit festhalten?

  • Es ist nicht möglich. Der Geist wandert gerne weg, sucht neue verlockende Objekte. Es wird noch schwerer, wenn der Geist ein attraktives Objekt erfasst hat oder wenn man sich physisch angestrengt hat und schwer atmet. Im ersten Fall ist Kamaccanda Nivarana stark und im zweiten Fall ist Uddacca Nivarana bzw. die „Erregung“ groß.
  • Ist der Geist ruhig, wird es ein bisschen leichter, etwas im Fokus zu halten, wenn auch nicht für allzu lang.

4. Es ist wichtig, dies alles zu erleben und zu prüfen. Buddha Dhamma muss man erfahren, nicht nur lesen.

  • Man kann Weisheit nur kultivieren, wenn man für sich selbst prüft, dass die Lehre des Buddha in der Tat wahr ist. Blinder Glaube wird niemanden nah an die Wahrheit bringen. Wahre Meditation ist Lernen des wahren und reinen Dhamma und kritische Bewertung basierend auf eigenen Erfahrungen.

5. Sobald man für sich bestätigt hat, dass man in der Tat nicht in der Lage ist, den Geist auf gewünschte Weise zu erhalten, kann man im nächsten Schritt darüber nachdenken, ob man den eigenen Körper irgendwie zur Zufriedenheit langfristig erhalten kann.

  • Es ist ganz offensichtlich, dass wir die Grundmerkmale wie Körpergröße, Haarform, Hautfarbe usw. nicht ändern können. Darüber hinaus kann man auch fehlende Gliedmaßen (nach einem Unfall) nicht einfach ersetzen oder sich so schön und stark machen, wie das Wunschbild es vorgibt. Zum großen Teil müssen wir mit dem Körper leben, wie er ist.

6. Als nächstes betrachten wir den Körper, wie er aktuell ist. Werden wir in der Lage sein, den Körper langfristig so zu erhalten?

  • Natürlich können wir das für eine Weile schaffen, vor allem wenn man jung ist. Aber unvermeidlich kommt eine Zeit, in der das nicht mehr funktioniert. Schauen wir auf die eigenen Eltern oder Großeltern. Sie waren auch mal jung und fit.
  • Deshalb müssen wir die Tatsache erfassen, dass wir längerfristig nicht einmal in der Lage sind, die Dinge zu erhalten, die wir als „das Selbst“ ansehen. Dies trägt dazu bei, die Anicca Sanna zu kultivieren.

7. Im Gegensatz zur Vorstellung, dass diese Denkweise „deprimierend“ ist, kann es tatsächlich eine befreiende Wahrheit sein zu erkennen. Es sind gerade die Menschen, die ihren dahin siechenden Körper mit viel Aufwand künstlich aufrechterhalten wollen, die am Ende „sehr deprimiert“ werden und sogar Selbstmord begehen. Es ist besser, sich vorher Gedanken zu machen und das „Unvermeidliche“ zu erkennen.

  • Wenn man sich tief genug hinein denkt, erkennt man, dass man am Ende hilflos sein wird. Man denke nur an die alten Filmstars, Schönheitsköniginnen, Bodybuilder, Politiker, Könige, Kaiser, usw. Alle waren letztlich hilflos.
  • Jeder Mensch stirbt hilflos im Alter, unerwartet bei einem Unfall oder durch schwere Krankheit. Es gibt keinen „anmutigen Tod“. Es mag für Außenstehende so scheinen, dass manche “anmutig altern“, aber die betreffende Person weiß besser, wie unangenehm das ist, selbst bei normaler Gesundheit. Man kann einfach nicht die Dinge tun, wie man es sonst gerne tat. Man kann auch keine Sinnesfreuden auf gleichem Niveau wie früher genießen. Alle Sinnesfähigkeiten verschlechtern sich mit der Zeit.

8. Das war die grundlegende Botschaft des Buddhas und es ist nicht erfunden. Er hat die Wahrheit über die Natur dieser Welt enthüllt, die jeder normale Mensch nicht bedenken würde. Wir sind zu sehr damit beschäftigt, Sinnesfreuden zu genießen oder in deren Besitz zu kommen.

  • Der Buddha zeigte auch, dass wir auch immer so weiter machen, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Wir werden wiedergeboren und durchleiden denselben Zyklus wieder und wieder. Es ist eigentlich viel schlimmer, denn die meisten Geburten im Kreislauf der Wiedergeburten erfolgen in den unteren vier Reichen, wo die Not viel größer ist.
  • Der Buddha offenbarte einen Weg, diesen Zyklus der Wiedergeburten zu durchbrechen.

9. Der Grund für die endlosen Wiedergeburten ist die fehlende Wahrnehmung der unbefriedigenden Natur dieser Welt. Egal wieviel wir leiden, wir denken immer wieder, dass wir es schaffen können. Manchmal tun wir das für eine Weile, aber am Ende sterben wir doch. Wir haben die falsche Vorstellung, dass wir „das System schlagen“ können, d.h. Glück finden und es behalten können. Wir haben die falsche Nicca Sanna.

  • Solange wir an Nicca Sanna festhalten, werden wir dem Leiden nicht entkommen. Die Lösung liegt schon in der Ersten Edlen Wahrheit über das Leiden (Dukkha Sacca, das Leiden, was beseitigt werden kann): Wir müssen voll und ganz die Anicca-Natur dieser Welt realisieren.
  • Die meisten Menschen erkennen nicht, dass die bloße Veränderung der Wahrnehmung über diese Welt eine schwere Last von den Schultern nehmen kann. Das ist die Grundlage von Nirāmisa Sukha, siehe Niramisa Sukha.

10. Wenn wir Nicca Sanna haben, nehmen wir diese Welt bereitwillig an. Das bindet uns an diese Welt über den Prozess Paticca Samuppada (pati+icca, pati = “binden” und icca = “willig, mit Vorliebe”). Wenn das geschieht, kommt es zu sama uppāda (sama = “ähnlich” und uppāda = “Geburt/Entstehen”), siehe Paticca Samuppada – “pati+ichcha” + “sama+uppada”.

  • So werden wir in der Art von Existenz geboren, nach der wir uns sehnten.
  • Aber das bedeutet nicht, dass wir eine Wiedergeburt als Mensch haben werden. Vielmehr folgt die Geburt nach dem Gathi bzw. den Hauptaspekten der Persönlichkeit. Wenn man übermäßig gierig war, kann man im Reich der „hungrigen Geister“ wiedergeboren werden. Wenn man übermäßig wütend oder zornig war, wird man dort geboren, wo diese Geisteshaltung gut passt: in der Niraya (Hölle).
  • Anders gesagt, mit Nicca Sanna neigt man dazu, sich unmoralisch zu verhalten, um an Sinnesfreuden zu kommen. Dann werden die Kamma Vipāka in Zukunft schlimmere Existenzen erzwingen.

11. Kultiviert man hingegen die Anicca Sanna, beginnt man die Dasa Akusala (zehn unmoralische Handlungen) zu meiden und sieht mit mehr Verständnis die Unfruchtbarkeit und die Gefahren solcher Handlungen.

  • Macht es Sinn zu stehlen, um einen „guten Lebensstil“ zu erwerben, der höchstens 100 Jahre andauert? Man zahl das zurück, mit Zinsen.
  • Macht es Sinn jemanden verbal zu beleidigen, um momentane Befriedigung zu erlangen, wenn man sich damit nur selbst schädigt (selbst wenn man “nur” schlechte Gedanken hat)? Wenn man mit Kraft dieses Aufheizen stoppt, kann man die Vorteile der „Abkühlung“ wahrnehmen. Das ist Anapana oder Satipatthana.
  • Hat es Sinn zurück zu schlagen, wenn man körperlich verletzt wird? Wird man sich körperlich besser fühlen, wenn man auch zuschlägt? Gehen die eigenen Schmerzen damit weg? Nebenbei gesagt: das passierte nicht ohne Grund. Es war das Ergebnis eines schlechten Kamma irgendwann zuvor.

12. Es braucht einige Kontemplation, um die Dinge zu sortieren. Das Gesamtbild muss dabei im Blick bleiben. Ignoranz (Avijja) ist Unkenntnis über das „ganze Weltbild“. Wir neigen dazu impulsiv zu handeln, basierend auf der aktuellen Wahrnehmung, die jedoch getrübt ist. Aber diese Tendenz schwindet, wenn man mehr und mehr die Anicca Sanna kultiviert.

  • Man handelt mit Sati (moralischer Achtsamkeit), wenn man die Anicca-Natur dieser Welt beachtet. Das ist die Grundlage von Anapana und Satipattana.
  • Nibbana oder „Abkühlung“ kann in diesem Leben erfahren werden, indem man die Anicca Sanna kultiviert und motiviert wird, immer weiter zu gehen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s