Unterschied zwischen “ich/mein” und Sakkāya Diṭṭhi

 

„ich“ und „mein“ loszuwerden ist ein schrittweiser Prozess

1. Die Wahrnehmung von „ich“ und „mein“ ist die Hauptursache für Leiden. Siehe „ich“ und „mein“ – Ursache des Leidens

  • Diese ich-Wahrnehmung verschwindet erst auf der Arahant-Stufe. Daher sollte dies nicht der Schwerpunkt gleich zu Beginn der eigenen Praxis sein.
  • Zuerst muss man die zehn Arten falscher Sichtweisen loswerden (micchā diṭṭhi) und Wissen über kamma / vipāka, den Wiedergeburtsprozesses und die Schaffung eines „mentalen Körpers“ (gandhabba) ansammeln. 
  • Der zweite Schritt ist das Entfernen von sakkāya diṭṭhi. 

Diṭṭhi, Saññā und Citta Vipallāsa – drei Hindernisse, um schlechte Gewohnheiten loszuwerden

2. Vipallāsa bedeutet „Verzerrung“. Wenn wir die relevanten Konzepte nicht klar verstehen, können wir aufgrund falscher Sichtweisen unklug handeln. Nehmen wir zur Verdeutlichung als Beispiel einen Alkoholiker.

  • Die Sucht kommt von der Wahrnehmung, dass es gut ist, etwas zu trinken, um eventuelle Probleme zu vergessen oder einfach nur diesen „betrunkenen Geisteszustand“ zu haben.
  • Auf Drängen eines Freundes beginnt dieser Alkoholiker, die Folgen des Trinkens zu bedenken. Viel Alkohol wirkt nachteilig auf die Gesundheit. Darüber hinaus kann man im trunkenen Zustand unmoralisch handeln und letztlich in nicht hilfreiche familiäre Verhältnisse geboren werden. Der Alkoholiker kann dies in einem ruhigen Moment vollkommen verstehen. Seine Sichtweise auf das Trinken ändert sich, d.h. diṭṭhi vipallāsa über das Trinken verschwindet (verzerrte Sichtweise). 
  • Dennoch muss der Alkoholiker feststellen, dass die Versuchung, „etwas zu trinken“, noch immer auftaucht. Obwohl er sich vielleicht nicht wie zuvor betrinken würde, kann das Verlangen nach Alkohol sehr stark sein. Wenn z.B. ein Bekannter ein Bier trinkt, kann er sich kaum zurückhalten und nicht trinken. Saññā vipallāsa ist immer noch da (verzerrte Wahrnehmung). Um auch die verzerrte Wahrnehmung loszuwerden, muss er weiter über die nachteiligen Folgen des Trinkens nachdenken und sich weiterhin dem Drang widersetzen.

3. Wenn diese Person das in der Praxis durchhält, verschwinden auch saññā und citta vipallāsa. Nur unter extremer Versuchung könnte er über „einen kleinen Schluck“ nachdenken. Ein anderer Effekt des „fortgesetzten Übens“ wird sich dann um diese „Restverzerrung“ kümmern:

  • Mit der Zeit würde sein Körper kein einziges alkoholisches Getränk tolerieren. Anstatt Befriedigung durch das Trinken zeigen sich jetzt Kopfschmerzen. Dann würde er freiwillig jedes alkoholische Getränk ablehnen. 
  • Diese Wirkung liegt daran, dass Körperfunktionen durch den „Geisteszustand“ beeinflusst werden. Dies geschieht auch, wenn man versucht, die Tilakkhana zu verstehen. Die Auswirkungen werden jedoch deutlicher, nachdem man bedeutende Fortschritte erzielt hat.

Nur Diṭṭhi Vipallāsa wird auf der Sotapanna-Stufe entfernt

4. Ein Sotapanna wird nur „mit Weisheit sehen“, dass es unfruchtbar ist, etwas als „ich“ oder „mein“ zu betrachten. Vor allem betrachtet man den eigenen Körper als „sein eigen“.

  • Der Buddha zerlegte das „Ich“ in fünf Teile, eine physische und vier geistige Einheiten. Das kommt von der Ich-Wahrnehmung als „mein Körper“ und „mein Geist“. Geistesphänomene gliedern sich in vier Teile: wir fühlen, wie Dinge geschehen (vedana) und erkennen sie (saññā). Auf dieser Grundlage reagieren wir (saṅkhāra) und haben bestimmte Erwartungen (viññāṇa). 
  • Unser Verlangen nach diesen fünf Einheiten ist pañcupādānakkhandhā.
  • Wir sehnen uns danach, weil wir die falsche Sichtweise haben, dass diese fünf Aggregate fruchtbar sind und für lang anhaltendes Glück sorgen. Diese falsche Sichtweise ist sakkāya diṭṭhi.

Sakkāya bedeutet Pañcupādānakkhandhā

5. Wie in der Cūḷavedalla Sutta (MN 44) gesagt, bedeutet sakkāya die pañcupādānakkhandhā (bzw. pañca upādāna khandhā).

  • Sakkāya ist sath + kāya und  bedeutet sath = „gut“ und kāya = „Sammlung“.
  • Die fünf Aggregate sind „Ansammlungen“ bzw. „Haufen“. Das rūpa-Aggregat enthält interne rūpa und das externe rūpa. Dazu gehören gegenwärtige, vergangene und zukünftige rūpa.
  • Von diesen ist der eigene Körper bzw. innere rūpa am wichtigsten (also sein gegenwärtiger Status, die Erinnerungen und Erwartungen für die Zukunft). Diese „internen rūpa“ befinden sich ausnahmslos im rūpa upādāna khandhā.
  • Rūpaupādānakhandhā enthält auch externe rūpa, also Dinge, die wir mögen und wonach wir uns sehnen. Das können die Familie, Freunde, Besitztümer usw. sein.
  • Die anderen vier Aggregate beinhalten die geistigen Eigenschaften, die rūpa betreffen.
  • Da wir davon ausgehen, dass alle fünf upadanaHaufen gut für uns und fruchtbar sind, sind sie sath kāya, was sich auf sakkāya reimt.

Sakkāya Diṭṭhi  bedeutet die Sichtweise, dass die Pañcupādānakkhandhā fruchtbar sind

6. Jetzt haben wir eine gute Vorstellung davon, was sakkāya diṭṭhi bedeutet: wir mögen/begehren diese Teile der fünf Aggregate, weil wir der Ansicht sind, dass sie fruchtbar sind und lang anhaltendes Glück bringen.

  • Wir sind glücklich, wenn diese upadana-Haufen so sind, wie wir sie wollen. Laufen die Dinge nicht wie gewollt, machen wir uns Sorgen und leiden.

7. In der Sakkāyadiṭṭhi Sutta (SN 22.155) heißt es: “rūpe kho, bhikkhave, sati, rūpaṃ upādāya, rūpaṃ abhinivissa sakkāyadiṭṭhi uppajjati. Vedanāya sati … saññāya sati … saṅkhāresu sati … viññāṇe sati, viññāṇaṃ upādāya, viññāṇaṃ abhinivissa sakkāya diṭṭhi uppajjati.”

Übersetzt: „Wenn man an verschiedenen rūpa haftet (insbesondere am eigenen Körper) und ihnen einen hohen Wert beimisst, entsteht sakkāya diṭṭhi („Identitätssicht„). Wenn man sich an vedana, saññā, saṅkhāra, viññāṇa bindet, die durch solche rūpa entstanden sind, und ihnen einen hohen Wert beimisst, entsteht sakkāya diṭṭhi.

  • Mit anderen Worten, man hat Sakkāya Diṭṭhi, wenn man diese Welt als fruchtbar ansieht und zu dauerhaftem Glück führend.
  • Mit dieser falschen Sichtweise hat man den Eindruck, dass es möglich ist, die Kontrolle über seine eigene Zukunft zu haben, indem man nur „genug Zeug“ ansammelt, um dauerhaftes Glück zu gewährleisten.
  • Diese Wahrnehmung von „voller Kontrolle“ wird auch durch „atta“ ausgedrückt. Die weltliche Bedeutung von „eine Person“ wird normalerweise durch „attā“ mit einem langen ā ausgedrückt.
  • Daher gibt es zwei Bedeutungen des Pāli-Wortes „atta„. Die ultimative oder absolute Bedeutung (paramattha) von „die volle Kontrolle haben“ wird durch „atta“ ausgedrückt. Die gewöhnliche oder relative Bedeutung (vohāra) ist „attā“ mit einem „langen a“, was sich auf eine „Person“ bezieht.

Atta kann eine weltliche (vohāra) oder eine absolute (paramattha) Bedeutung haben

8. Auch wenn eine „Person“ im absoluten Sinne nicht existiert (paramattha), muss jede Person die Begriffe „ich“ und „mein“ im Umgang mit anderen Menschen verwenden. Sogar der Buddha sprach über „seine“ früheren Leben. Er begann einen Diskurs oft mit den Worten: „Lass mich dieses Konzept erklären.“

  • Der Buddha sagte auch, dass man sich an die anerkannten Regeln der Gesellschaft halten sollte. Es ist unklug zu versuchen, diese Tatsache durchzusetzen, dass es in der ultimativen Realität kein „ich“ oder „selbst“ gibt.
  • Es gab wohlhabende Leute und sogar Könige, die Magga Phala erreicht hatten und sich trotzdem noch mit ihren weltlichen Haushälter-Aktivitäten beschäftigten. Erst als Arahant muss man Bhikkhu werden.
  • Im Tipiṭaka erscheint das Wort atta mit verschiedenen Bedeutungen. Der Kontext bestimmt die Bedeutung. 

atta bedeutet „ich“ im weltlichen Gebrauch

9. Es gibt viele Tipiṭaka-Verse, in denen „attā“ eine „Person“ bedeutet. Ein paar Beispiele:

  • Attānaṃ damayanti paṇḍitā“ im Dhammapada Vers 6.80 bedeutet „Die Weisen kontrollieren sich selbst„.
  • Attano sukhamicchati“ im Dhammapada Vers 21.291 bedeutet „Man sucht sein eigenes Glück“. Das Wort iccha (verlangen/wünschen) findet sich im Begriff sukhamicchati wieder:  sukham + icchati.
  • In der Attadīpa Sutta (SN 22.43) bedeutet „attadīpā viharatha„: „Mach eine Insel aus dir selbst„, was wiederum bedeutet, „man muss seine eigene Zuflucht suchen“.

Was ist in „ich“ (attā)?

10. Seit jeher haben sich die Menschen gefragt, wie man „ich“ (attā) definiert. Natürlich hat der Körper wegen seiner Sichtbarkeit Vorrang. Zur Identität eines Menschen zählt aber auch die geistige Aktivität: Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen sind für jeden Menschen einzigartig.

  • Alles, was man sich als Teil von „ich/selbst“ oder „attā“ vorstellen kann, ist in den fünf Entitäten rūpa, vedana, saññā, saṅkhāra, viññāṇa enthalten.
  • Nur ein Buddha kann eine gründliche Analyse durchführen und eine Person mit diesen fünf Parametern beschreiben. Das wird von allen Buddhas gelehrt. Natürlich findet es jeder Buddha für sich heraus.
  • Normalerweise gibt es höchstens einen Buddha in einem bestimmten Zeitalter. Aber unser gegenwärtiges Äon ist ein besonderes mit fünf Buddhas. Überreste der Lehren des vorherigen Buddha (Buddha Kassapa) wurden in den vedische Texten tradiert und waren verfügbar, als Buddha Gotama seine Buddhaschaft erlangte.

Die Begriffe gab es schon vor Buddha Gotama – wie ist das möglich?

11. Viele Menschen haben die Auffassung, dass Buddha Gotama die 5-fache Analyse einer Person aus den Veden „übernommen“ habe, weil diese Begriffe in der alten vedischen Literatur vorkamen.

  • Vor Buddha Gotama gab es Buddha Kassapa auf dieser Erde. Buddha Kassapas Lehren gingen mit der Zeit verloren. Aber viele Begriffe, einschließlich der Konzepte von Kamma, Vipāka, die fünf Aggregate und mehr, wurden in die vedischen Lehren aufgenommen und über viele Generationen weitergegeben. Natürlich verwendeten die vedischen Gelehrten die Sanskrit-Sprache, die von der Pāli- oder Magadha-Sprache abgeleitet war. Sanskrit bedeutet „abgeleitet von“ (san + krutha oder සන් සන් oder සංස්කෘත auf Singhalesisch).
  • Pāli-Wörter wie Kamma, Nibbāna, Paṭicca Samuppāda wurden durch Hinzufügen des „r“-Lautes „eindrucksvoller“ gemacht. Diese drei Pāli-Wörter wurden im Sanskrit zu Karma, Nirvāna und Pratītyasamutpāda.
  • Gleiches gilt für die fünf Aggregate bzw. pañcakkhandha. Die vedischen Lehren nennen es die fünf Skandha.

Wessen Konzepte sind Kamma, Nibbāna, Paṭicca Samuppāda usw.?

12. Eine vollständige Darstellung erfordert vielleicht ein ganzes Buch. Es gibt jedoch mehrere Fälle im Tipiṭaka, wo der Buddha Gotama verschiedenen Brahmanen erklärt, dass viele ihrer Lehren von Buddha Kassapa stammen.

  • Zum Beispiel spricht Buddha Gotama in der Māgandhiya Sutta (MN 75) mit einem Brahmanen, der einen Vers aus den Veden zitiert. Buddha Gotama sagt dann, dass der Vers ursprünglich von Buddha Kassapa gesprochen wurde und dass er über Generationen in den Veden ohne die wahre Bedeutung weitergetragen wurde. Siehe Arōgyā Paramā Lābhā.
  • Als Prinz Siddhartha geboren wurde, gab es bereits die vedischen Lehren. Wir haben momentan eine ähnliche Situation, in der viele wichtige Konzepte falsch interpretiert werden.
  • In manchen Online-Foren wird gefragt, ob Buddha Gotama vedische Konzepte „übernommen“ hat. Diese Konzepte sind Reste der Lehre von Buddha Kassapa. Aber jeder Buddha entdeckt die Natur dieser Welt aus eigener Kraft.
  • Dann stellt sich die Frage nach der „Evolution des Menschen“. Es gab keine Evolution des Menschen. Menschen existieren seit anfangloser Zeit (wenn auch für lange Zeiten mit Brahma-ähnlichen Körpern). Deshalb würde es ein Buch brauchen, um all diese Dinge zu besprechen. Grundlegende Konzepte finden sich im Text Buddhismus und Evolution – Aggañña Sutta (DN 27).

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